|
Vorurteile |
Hempels Raben
usgerechnet in der Gruppe
de.newuser.infos werden regelmäßig Texte veröffentlicht, die - ähnlich
wie die Kirchwitz-Netiquette - von Vorurteilen gegenüber pseudonym schreibenden Teilnehmern berichten,
als wäre das Kultivieren von Vorurteilen völlig in Ordnung, wohingegen ein Pseudonym, selbst wenn es nicht in der
Weise mißbraucht wird, wie es das Vorurteil behauptet, ein netzschädliches Verhalten darstellte:
Warum wollen diese Leute keine Pseudonyme dulden?
Der Grund ist einfach: Die erfahrenen User haben in der Vergangenheit sehr, sehr schlechte Erfahrungen mit
pseudonymen Autoren gemacht. Die meisten waren der Ansicht, im - vermeintlichen - Deckmäntelchen der
Anonymität mal so richtig die Sau rauslassen zu können. Sie haben dem Netz damit schwer geschadet
und darüber hinaus eine äußerst skeptische Haltung pseudonymen Postern gegenüber
erzeugt.
<de-newusers-infos/warum-regeln/20040312-1@krell.zikzak.de>
icher ist es aus menschlicher Sicht nachzuvollziehen,
daß jemand, der mehrfach schlechte Erfahrungen mit pseudonymen Autoren gemacht hat, der induktiven Logik folgend
zu Verallgemeinerungen neigt und der betreffenden Personengruppe mit Skepsis begegnet [1]. Es spricht wohl auch nichts
dagegen, wenn sich diese Vorbehalte dergestalt auswirken, daß pseudonymen Schreibern deshalb zurückhaltend
begegnet wird. Nicht hinzunehmen ist es jedoch, wenn diese Vorurteile in der Form ausgelebt werden, daß einzelne
Personen nicht mehr anhand ihres wirklichen Vehaltens beurteilt werden, sondern öffentlich und pauschal in den Sack
mit der Aufschrift Unhöflich gesteckt werden oder unbesehen
und ohne jede Chance, ihr Wohlverhalten zu beweisen, durch öffentliche Agitation ausgegrenzt oder durch
Konfrontation mit den bekannten Stereotypen provoziert werden. Wer das tut oder sich indirekt daran beteiligt,
handelt zweifellos selbst unhöflich und verwirkt sich mit diesem reductio
ad absurdum das Recht, den Zeigefinger gegen das vermeintlich unhöfliche Pseudonym zu erheben.
[1] Vgl.: Hempels
Rabenparadox
eider werden die Vorurteile gegen Menschen, die
zum Selbstschutz nicht unter Identitätsbezug am Usenet teilnehmen möchten, nicht nur von einzelnen Individuen
gepflegt, sondern von dem ganzen Kollektiv jener Menschen, die vorgeben, schlechte Erfahrungen mit pseudonymen oder
anonymen Teilnehmern gemacht zu haben oder sich auf die in der Kirchwitz-Netiquette beschriebenen Fremderfahrungen berufen. Diese
"Interessensgemeinschaft" ist im Usenet bezeichnenderweise als die RNF (Realnamefraktion)
bekannt und fällt dort regelmäßig durch schonungslose und gemeinschaftliche Agitation gegen diese
Teilnehmer auf. Dabei wird vor allem die Isolationsangst des Menschen ausgenutzt, indem man mit Ausgrenzung droht
(vgl.: Schweigespirale). Die öffentliche Kritik an pseudonymen oder anonymen Teilnehmern
widerspricht zwar den Empfehlungen der Kirchwitz-Netiquette, denen sich die RNF nach eigenem Bekunden besonders verpflichtet
fühlt, sie ist aber notwendig, um die gruppendynamischen Prozesse in Gang zu halten, die öffentliche Meinung
nachhaltig zu prägen und neue Anhänger zu rekrutieren. (Wegen dieses Zwiespalts wird die Kritik wegen des
fehldenden Namens auch gerne als Hilfe dargestellt, vgl.: hilfe.htm). Stereotype sind die wichtigsten
Bausteine der öffentlichen Meinungsbildung. Sie reduzieren die Realität auf ein Maß, welches selbst das
dümmste Mitglied einer sozialen Gemeinschaft noch versteht. Je einfacher dabei das Vorurteil ist (hier: Pseudonyme
schreiben Müll), desto weniger wird es verstandesmäßig hinterfragt und desto besser funktioniert es
daher auch zur Manipulation der Öffentlichkeitsmeinung. Dabei genügen schon ein paar Gedankengänge,
um das Vorurteil als solches zu entlarven:
nstrittig ist, daß die Verwendung eines
Pseudonyms a) per se kein schlechtes Benehmen darstellt und daß man schlechtes Benehmen b)
regelmäßig auch bei Teilnehmern beobachten kann, die aus ihrer Identität kein Geheimnis machen.
(vgl.: flames.htm). Nach den Gesetzen der deduktiven Logik kann man aus diesen beiden
wahren Aussagen nur den Schluß ziehen, daß nicht das Pseudonym kritikwürdig ist, sondern das
schlechte Benehmen. Und zwar sowohl auf Seiten der Pseudonymbenutzer als auch auf Seiten der Realnameposter
und ihren Verfechtern. Das Vorurteil ist allein schon durch diese Erkenntnis enttarnt. Daher gibt es keinen rationalen
Grund, pseudonyme Autoren öffentlich mit den bestehenden Vorurteilen zu konfrontieren und so Diskussionen
auszulösen für die der Betroffene selbst gar keinen Anlaß gegeben hat.
er die Entstehung von Realname-Diskussionen
aufmerksam verfolgt, wird jedoch sehr bald feststellen, daß der Stein des Anstoßes zumeist nicht ein schlechtes
Benehmen des pseudonymen Autoren ist, sondern daß ausschließlich sein Pseudonym zum Gegenstand
öffentlicher Kritik gemacht wird. Reagiert der Betroffene dann aufgrund der ungerechtfertigt empfundenen Kritik
mit Abwehr, wird diese menschlich absolut nachvollziehbare und natürliche Reaktion von den Hinweisern unter
sträflicher Mißachtung der Kausalität meist als Betsätigung ihrer Vorbehalte gegen pseudonyme
Autoren gewertet und nicht als das Ergebnis der eigenen Provokation.
Jeder Mensch hat das Recht, ausschließlich
nach seinem eigenen Verhalten beurteilt zu werden. Wer ihm dieses Recht nicht zugesteht, handelt
mindestens so unhöflich wie er es dem Betroffenen aufgrund seiner Vorurteile unterstellt!
er wahre Grund für die Vorbehalte gegen
pseudonyme Autoren liegt wohl nicht wirklich im schlechten Benehmen dieser Teilnehmer, sondern darin, daß die
Anonymität in unserer Kultur oft als Bedrohung empfunden wird. Es ist die Angst vor dem Unbekannten, dem
Ungewissen und der eigenen Unwissenheit. So wie sich Kinder in der Nacht vor dem Schatten an der Wand fürchten,
weil sie nicht wissen, was sich dahinter verbirgt. Auch stellt sich natürlich ein gewisses Unbehagen angesichts der
eigenen Identifizierbarkeit ein. Der unter seinem Realname schreibende fühlt sich im direkten Vergleich nackt und
verletzlich [2].
[2] Sollte sich dieses Gefühl der Nacktheit auch bei Ihnen einstellen, dann suchen sie die Schuld bitte nicht bei
ihrem anonymen oder pseudonymen Kommunikationspartner, sondern vergegenwärtigen Sie sich, daß auch Sie
das Recht auf Anonymität in Anspruch hätten nehmen können.
Aus der Tatsache, daß uns der Namenlose die Recherche über sich und sein Leben durch die Anonymisierung
seiner Beiträge verwehrt, wird meist gefolgert, daß er etwas zu verbergen habe und daß das, was da
verborgen wird natürlich nur etwas Anrüchiges sein könne. So wird die Anonymität mit dem
Bösen assoziiert und dabei stigmatisiert. Zu leicht wird dabei übersehen, daß der Betroffene zwar
nichts zu verbergen hat, daß er aber auch nichts zu offenbaren hat!
Das ist übrigens auch der einfache Grund, weshalb viele Menschen Vorhänge an ihren Fenstern haben, auf
Ihren Computern Firewalls installieren oder ihre Daten verschlüsseln. Sie verwehren lediglich das Eindringen in den
geschützen Bereich des privaten Lebens. Und niemand wird wohl ernsthaft bezweifeln, daß es der Name ist,
der das Ausforschen privater Lebensumstände anderer Menschen durch die Zuordnung zu einer bestimmten
Identität überhaupt erst ermöglicht. Ein Pseudonym ist daher ein sinnvolles und völlig
unschädliches Konzept für denjenigen, der eine Recherche über seine Person von vornherein verhindern
oder wenigstens erschweren möchte. (vgl.: paranoia.htm)
Hatte der Umgang mit diesen Mechanismen zur Anonymisierung von
Kommunikationsvorgängen anfänglich den Anschein des Unseriösen (Standardfragen: Wieso soll
ich Ihren Namen nicht erfahren? Haben Sie etwas zu verbergen?), zeigt die heutige Gesetzgebung, dass das
Recht des Bürgers auf Anonymität zunehmend akzeptiert und in geltendes Recht
in Form neuer Gesetze umgesetzt wird.
<www.bsi.bund.de/literat/anonym/perspekt.htm>

an sollte sich auch immer wieder in Erinnerung
rufen, daß die Anonymität nicht nur mißbraucht werden kann, sondern daß sie auch Segensreiches
bewirken kann. Anonyme Wahlen sind z.B. das Lebenselexier unserer Demokratie und ethische Kommissionen haben
entschieden, daß Organtransplantaionen hierzulande - abgesehen von einzelnen Ausnahmen - nur
unter Wahrung der Anonymität durchgeführt werden dürfen. Anonyme Bestattungen erfolgen meist
auf den ausdrücklichen Wunsch des Toten zu seinen Lebzeiten und ganz sicher nicht in böser Absicht,
sondern um den Angehörigen die Last der Grabpflege zu ersparen. Die Möglichkeit anonymer Geburten rettet
sicher vielen Babys das Leben, auch wenn man sich über die Moral streiten kann. Und wir alle kennen die Geschichten
namenloser Spender, die ihr Geld wohltätigen Zwecken zur Verfügung stellen und mit ihrer Anonymität
sicherstellen, daß ihnen niemand persönlich zu Dank verpflichtet sein muß.
icht uninteressant ist die Frage, warum sich die
Vorurteile gegen pseudonyme Autoren so beständig halten, obwohl diejenigen, die diese Vorurteile kultivieren und
lauthals streuen, im Laufe zahlreicher Diskussionen durchaus schon einräumen mußten, daß es gute
Argumente für die Entpersonifizierung persönlicher Informationen an der Öffentlichkeit gibt.
Vorurteile entstehen durch die zu großzügige Anwendung von Stereotypen bei gleichzeitig extrem
selektiver Wahrnehmung, die durch ein bereits vorhandenes Vorurteil noch verstärkt wird. Es wird nur
noch das wahrgenommen, was in das Vorurteil paßt. Anderes wird ignoriert oder uminterpretiert. Vorurteile
sind kaum zu vermeiden, dürfen jedoch nie zu ausgeprägt werden, damit sie nicht negative
Auswirkungen entfalten. Eine wichtige Klasse solcher Auswirkungen ist die sog. selbsterfüllende
Prophezeihung: Eine falsche oder zumindest voreilige Einschätzung einer Situation erzeugt ein
Verhalten, das dazu führt, daß die Einschätzung richtig wird. Selbsterfüllende
Prophezeihungen sind mächtige soziale Faktoren und können im positiven wie im negativen wirken.
Neben den gruppendynamischen Prozessen spielt hier auch die Art und Weise eine Rolle, wie
sich der Mensch aus seinen eigenen Erfahrungen und den Informationen, die ihm von Außen zugetragen werden, sein
individuelles Weltbild zimmert. Erfahrungsgemäß hält man nämlich an der ersten Erklärung
über einen bestimmten Sachverhalt fest, es sei denn, überzeugende Beweise zwingen dazu, sie durch eine
andere zu ersetzen. Und die erste Information, die uns im Usenet zum Thema zugetragen wird, lautet nun einmal leider,
daß Pseudonymität und Anonymität meist in destruktiver Weise mißbraucht wird und deshalb
unerwünscht sei. Leider klingt diese Aussage so plausibel, daß sich kaum jemand die Mühe macht,
darüber nachzudenken, daß es neben dem Mißbrauch der Anonymität durchaus noch andere
gute Gründe geben kann, seine Identität in öffentlichen Kommunikationsmedien zu verbergen.
atürlich könnte sich der neue Teilnehmer
intensiv mit der Thematik auseinandersetzen. Nur tut er das gemeinhin nicht, wenn ihm schon die erste Quelle
(Kirchwitz-Netiquette) glaubwürdig erscheint. Dann schleichen sich die Schlußfolgerungen,
die er aus falschen Informationen zieht, allmählich in seine sonstigen Ansichten ein und führen schließlich
zu Fehl- und Vorurteilen. Das gefährliche an diesen Vorurteilen ist, daß man sich ihrer nicht bewußt wird,
weil sie die Wahrnehmung so beeinflussen, daß man tatsächlich das sieht, was man aufgrund der Vorurteile zu
sehen erwartet (siehe Kasten rechts).
Vorurteile sind hartnäckig
Angenommen, Sie erfahren nach Jahren, an denen Sie an falsche Tatsachen (das Vorurteil) geglaubt haben, die Wahrheit
über einen bestimmten Sachverhalt. Ersetzen Sie auf der Stelle alle Schlußfolgerungen und Überzeugungen,
die Sie aus den früheren Informationen entwickelt haben, durch zutreffendere? Wohl kaum. Schließlich haben die
Schlußfolgerungen und Überzeugungen, die Sie aus den falschen Informationen über Jahre hinweg
gezogen und kultiviert haben, zur Entwicklung vieler Ihrer Ansichten beigetragen und ihr ganz persönliches
Weltbild nachhaltig geprägt. Zahlreiche Studien haben gezeigt, daß der Mensch die neuen Informationen
eher so zurechtbiegt, daß sie sich in das bestehende Weltbild nahtlos einfügen, als daß er alle seine
Überzeugungen in Frage stellt.
|
|