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Die nachfolgenden Geschichten sind erfunden.
Das heißt aber nicht, daß sie nicht genau so passieren könnten. Ich möchte Ihnen mit diesen
Geschichten keine Angst machen und auch keine Panik verbreiten. Ich möchte Ihnen auch nicht nahelegen, ein
Pseudonym zu benutzen oder auf die Teilnahme am Usenet zu verzichten, denn das müssen Sie unter
Berücksichtigung ihrer persönlichen Umstände ganz alleine entscheiden.
Es soll anhand dieser Geschichten nur der Versuch unternommen werden, das stets wiederkehrende Argument zu widerlegen
die Teilnahme am Usenet unter der wahren Identität sei völlig unbedenklich oder man könne das Risiko
alleine durch eine umsichtige Auswahl der preisgegebenen Informationen minimieren. Das ist leider ein Irrglaube. Selbst
unbedeutende Informationen oder Äußerungen können schwerwiegende Konsequenzen nach sich
ziehen oder sich in der Zusammenführung mit anderen Informationen (die durch die Identifizierbarkeit auch
außerhalb des Usenets gewonnen werden können) als Nachteilig erweisen. Angesichts der schier
uneingeschränkten Möglichkeiten der modernen EDV ist man sich in Fachkreisen längst darüber
einig, daß es keine belanglosen Daten mehr gibt.
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Die Freundin

Als Bernd noch zur Schule ging, war er ein
sehr munterer Bursche, der allerlei Unsinn trieb und wie alle Jungs einen allerbesten Freund hatte, mit dem er alles teilte
und vor dem er keine Geheimnisse hatte. Das war Michael und die beiden waren damals berüchtigt. Nach dem
Schulabschluß besuchten die beiden sogar die gleiche Universität und studierten gemeinsam BWL.
Irgendwann kam aber, was kommen mußte und Michael fand seine große Liebe. Sie hieß Angelika,
war sehr attraktiv und wurde von allen Jungs an der Uni umschwärmt. Zu allem Unglück auch von Bernd.
Schließlich schaffte es Bernd irgendwann, Angelika für sich zu erwärmen, sie Michael auszuspannen
und sie ein knappes Jahr später zu heiraten. Das trieb natürlich einen großen Keil zwischen die
beiden und so wurde aus den einstigen Freunden die erbittertsten Feinde. Michael hat das nie verwunden. Aber die Zeit
ließ ihn vergessen und sie verloren sich schließlich aus den Augen, als Angelika und Bernd in eine andere
Stadt zogen, um dort eine Familie zu gründen.
Weil Bernd und Michael einst dicke Freunde waren, hatten sie natürlich auch ähnliche Interessen.
Und so war es kein Wunder, daß Michael irgendwann im Sommer vor drei Jahren im Internet über den
Namen seines Erzrivalen stolperte. Der hatte sich in der Zwischenzeit einen guten Namen im Usenet gemacht und
war ein gern- und vielgelesener Autor, dessen Ratschläge dankbar angenommen wurden. Allerdings
paßte Bernd genau auf, daß er nicht zuviel über sich preisgab. Schließlich engagierte er
sich in der Politik und schickte sich an, für das Bürgermeisteramt seines kleinen Städtchens
zu kandidieren.
as ging eine ganze Weile so und Bernd
hatte auch nicht die leiseste Ahnung, daß einer seiner größten Feinde jeden einzelnen seiner
Beiträge mit großem Interesse verfolgte. Schließlich wurde Michael aktiv und begann damit,
selbst im Usenet zu schreiben. Zuerst konfrontierte er Bernd mit harmlosen Anektoden und weidete sich daran,
wie Bernd immer nervöser und unsicherer wurde. Die Abrechnung machte ihm sichtlich Spaß und er
genoß es, wie Bernd sich windete und rechtfertigte. Nach und nach gab Michael Dinge aus Bernds Leben
preis, die niemals für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Es fing relativ harmlos damit an, daß er
im Usenet erzählte, wie Bernd im Suff die 14 Autos seiner Lehrer während eines Elternabends mit
einem abgeschlagenen Bierflaschenhals zerkratzte. Bernds guter Ruf geriet mit jedem neuen Detail ein wenig
mehr ins rutschen und ging schließlich in den freien Fall über, als zufällig herauskam,
daß er früher Drogen nahm, daß er klaute und einmal sogar von der Uni flog, weil er dort
Drogen verkaufte.
Natürlich versicherte Bernd und versuchte zu beschwichtigen, daß es sich um Jugendsünden
handelte und er heute ein aufrechter und vertrauenswürdiger Mensch sei. Viele Leute aus dem Netz pflichteten
ihm bei und versuchten ihm zu helfen, indem sie darauf bestanden, daß man einen Menschen nicht wegen seiner
jugendlichen Sünden verurteilen dürfe. Und damit haben sie ja auch recht, nicht wahr? Trotzdem gab es
natürlich auch die üblichen Aasgeier. Das sind Leute, die nur darauf warten ein am Boden liegendes Opfer
zu finden, auf das sie dann gefahrlos eindreschen können. Einige von ihnen schlossen sich der Hetzjagd an,
fingen an zu recherchieren und einer von ihnen stellte dabei verblüfft fest, daß er ja direkt neben Bernd
wohnt. Dieser Bernd war jener Nachbar, mit dem er sich letztes Jahr über den Komposthaufen gestritten hatte!
etzlich war Bernd nicht mehr zu retten.
Jedesmal wenn er im Netz das Wort erhob, holte ihn seine eigene Vergangenheit ein und der Nachbar legte mit
aktuellen Berichterstattungen aus dem Privatleben Bernds nach. Als Nachbar kriegt man ja schließlich eine Menge mit.
Bürgermeister ist Bernd nie geworden und der letzte Usenetartikel von Bernd ist laut Google mittlerweile
zwei Jahre alt. Er hatte wohl keine Lust mehr.
[nach oben]
Manfred und seine Maschine

anfred ist Motorradfahrer und ein verdammt
guter Motorradfahrer! Schon mit acht Jahren durfte er mit einem Pocketbike auf dem Grundstück seiner Eltern üben.
Er ließ nichts aus. Mit fünfzehn fuhr er Mofa, mit sechzehn ein Moped und seinen großen
Führerschein bekam er pünktlich zu seinem achzehnten Geburtstag. Er holte ihn damals frühmorgens
um neun Uhr persönlich auf dem Amt ab.
Manfred interessiert sich für alles Technische und so findet man ihn auch im Usenet wieder, wo er sich in der
Gruppe de.rec.motorrad mit Gleichgesinnten über sein Hobbie und seine
damit verbundenen Erlebnisse austauscht. Wie oft schon hat er dort in blühenden Worten erzählt, wie
der den "Bullen" am Wochenende mal wieder davongebraust ist.
uch am letzten Wochenende war Manfred
mit seinem Joghurtbecher - so werden Rennmotorräder wegen ihrer Verkleidung genannt - im Allgäu
unterwegs. Er genießt es, die an den Ortseingängen aufgestellten Starenkästen zum Duell
herauszufordern. Wer ist schneller, der Blitz oder Manfred? Ob man es glauben will oder nicht, Manfred hat durchaus
schon gewonnen! Und was soll ihm auf seiner Maschine schon passieren, schließlich ist, wie ja jeder weiß,
das Nummernschild bei Motorrädern hinten angebracht! Manfred gab also wie immer Gas, als er sich
eingangs des nächsten Dorfes dem Messgerät näherte und streckte, sich in absoluter Sicherheit
wiegend, den Mittelfinger geradewegs der Linse entgegen. So wie er es halt immer macht. Stolz erzählte er
am Abend seine Geschichte der Netzgemeinde. Alles so wie immer. Alles ganz normal!
Doch irgendwie war es diesmal eben doch nicht so wie immer. Davon merkte Manfred zunächst aber noch
nichts und so freute er sich noch über die anerkennenden Antworten auf seine Schilderungen im Usenet.
Erst als am Ende der Woche der Postbote klingelte und für die Aushändigung eines merkwürdigen
blauen Briefes eine Unterschrift haben wollte, dämmerte Manfred, daß Ärger drohte. Wie er damit
beschäftigt war, den Brief zu öffnen mutmaßte er noch, ob vielleicht ein Anwohner sein
Kennzeichen notiert haben könnte, als er mit hoch erhobenem Mittelfinger an dem Blitzgerät
vorbeidonnerte.
Was war geschehen?
arsten arbeitet als Angestellter im Rathaus
der Kreisstadt und wertet die Bilder der Starenkästen von 13 umliegenden Dörfern aus. Er kennt diesen
Motorradfahrer und seinen Stinkefinger mittlerweile schon und ärgert sich jedes Mal über das stets
gleiche Foto. Eigentlich redet Carsten nie über seinen Job, aber vor knapp zwei Wochen hat er seinen
Freunden bei einem Glas Bier von dem irren Typ mit dem Stinkefinger erzählt. Einer von Carstens Freunden
stutzte. Hatte er nicht letztens in der Gruppe de.rec.motorrad von einem Typen gelesen, der sich genau damit
gebrüstet hat? Die beiden gingen zu Frank nach Hause und schauten nochmal bei Google nach. Sie
fanden das betreffende Posting anhand einiger Stichworte und gaben Manfreds Namen, den sie ja nun kannten,
anschließend nocheinmal ohne einschränkende Stichworte in die Suchmaschine ein. Google spuckte
daraufhin 212 Postings mit zum Teil erschreckendem Inhalt aus. Die Adresse von Manfred zu finden, war angesichts
seiner Namensangabe ziemlich einfach und siehe da: Gar nicht so weit weg, 25 Km, er könnte es sein! Derart
motiviert steckte Carsten am nächsten Tag einige Fotos aus den Starenkästen ein und machte sich
auf den Weg zu der betreffenden Adresse. Bingo - da stand die Maschine und sie war wegen diverser
An- und Umbauten auf den ersten Blick und eindeutig zu identifizieren.
Manfred ist heute seinen Führerschein los. Nicht wegen der Starenkästen, sondern weil er in vielen
Newsbeiträgen Erlebnisse schilderte, die erheblichen Zweifel an der charakterlichen Eignung zum Führen
von Kraftfahrzeugen aufwarfen. Carsten hatte im Rathaus natürlich von dem Fall erzählt und die Kollegin
von der Führerscheinstelle interessierte sich brennend für die 212 Postings von Manfred. Die geschilderten
Erlebnisse deckten sich mit diversen Tagebucheinträgen der örtlichen Polizei, die bis dahin aber keiner
konkreten Person zugeordnet werden konnten. Leugnen war nun aber zwecklos geworden und die Starenkästen
waren nur das Pünktchen auf dem i. Außerdem ist Manfred wegen mehrfacher Beleidiung angezeigt worden
und mußte 5000 Euro Strafe bezahlen weil er in 32 Postings Polizeibeamte als Bullen bezeichnet hatte und auf
fünfzehn Fotos sein Mittelfinger zu sehen war. Seinen Führerschein bekommt er vielleicht nach einer MPU
wieder.
icher wäre es am klügsten gewesen,
Manfred hätte sich ordentlich im Straßenverkehr benommen. Wenn schon das nicht, dann hätte er
vielleicht auf die Geschichten im Usenet verzichten sollen. Zum Verhängnis wurde im aber sein Name.
Hätte Carsten in seiner Freizeit nicht so leicht den Namen und die Adresse von Manfred finden können,
hätte er die Sache aus dem Usenet nicht weiter verfolgt und wie ein Amtsrichter Carsten bestätigte,
hätte kein Staatsanwalt wegen eines Starenkastenfotos Ermittlungen eingeleitet, geschweige denn Logfiles
beim Provider beantragt.
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Dumm gefallen - dumm gelaufen

er Anwalt der gegnerischen Partei ehebt sich vom
Stuhl und grinst Jürgen schadenfroh ins Gesicht. Jürgen ist sauer. Der Richter hat soeben das Urteil gefällt
und Jürgens Klage gegen die Unfallversicherung abgewiesen. Damit wird Jürgen mitsamt seiner Familie zum
Sozialfall, denn nach seinem Unfall vor zwei Jahren ist er schwer behindert und zu 100% Arbeitsunfähig. Der Unfall
sei kein Unfall, sondern die Folge einer unbehandelten Krankeit gewesen und sowiso habe Jürgen seinen
Versicherungsschutz verwirkt, weil er beim Abschluß der Versicherung Vorerkrankungen verschwiegen habe.
Dabei weiß Jürgen ganz genau, daß es ein Unfall war. Aber was hilft ihm das schon? Auf dem Weg
aus dem Gerichtssaal spielt sich die ganze Geschichte zum ungezählten Male vor seinem geistigen Auge ab: Er
hatte an jenem verhängnisvollen Morgen im November verschlafen, weil offenbar die Batterie in seinem Wecker
leer war. Das war Jürgen noch nie passiert und es war ihm sehr peinlich, denn bis dahin genoss er in der Firma
den Ruf eines zuverlässigen Mitarbeiters. Er wollte deshalb so schnell wie möglich zur Arbeit. Und so kam
es, wie es kommen mußte. Vor lauter Aufregung stolperte er im Treppenhaus, fiel die Treppe hinunter und schlug
mit dem Schädel gegen die Wand. Dabei trug er schwere Kopfverletzungen davon.
ürgen lag noch in der Klinik als sich seine
Frau auf Anraten von Jürgens Vater an die Versicherung wandte, um den Unfall anzuzeigen. Man werde den Fall
prüfen, hieß es damals. Und sie prüften gründlich. Sehr gründlich sogar. Aufgrund schlechter
Erfahrungen mit Betrugsfällen läuft bei der Breitenbrunner Versicherungs AG jeder Fall grundsätzlich
zuerst einmal über den Schreibtisch von Klaus Hildebrandt. Hildebrandt ist ein passionierter Schnüffler, der
sich auskennt. Er weiß genau, wo man Informationen findet. In jedem Fall stellt er erst einmal alle Daten zusammen
und macht sich ein Bild über die betroffenen und beteiligten Personen. Klar, daß er auch einen Blick ins
Internet wirft um nach verschwiegenen Vorerkrankungen oder widersprüchlichen Schilderungen des Falles zu
forschen. Als er Jürgens Name in die Meta-Suchmaschine eingegeben hatte, stieß er sofort über ein
paar höchst interessante Beiträge, die Jürgen Jahre zuvor in einer medizinschen Newsgroup gepostet
hatte. Dort stellte er besorgt Fragen, nachdem er zum wiederholten Mal einen Schwindelanfall gehabt hatte. Hildebrandts
Recherche war bereits nach wenigen Mituten zugunsten der Geschäftsbilanz der Breitenbrunner Versicherungs AG
beendet.
Auf dem Weg vom Gericht nach Hause benutzt Jürgen die U-Bahn. Autofahren darf er seit seinem Unfall nicht mehr.
Es riecht unappetitlich nach Gummi. Jürgen schaut aus dem Fenster ins Schwarze hinaus und erinnert sich. Es war vor
sechzehn Jahren. Er hatte gerade erst geheiratet, als er zum ersten Mal wie aus heiterem Himmel das Bewußtsein verlor
und einfach umfiel. Das passierte dann noch drei- oder viermal und Jürgen wandte sich hilfesuchend an ein
Medizinforum im Internet. Doch der Spuk war so schnell vorbei wie er gekommen war. Jürgen dachte nicht mehr
daran und ging auch nicht zum Arzt. Als ein paar Jahre später die Kinder kamen, machte sich Jürgen daran,
den Versicherungsschutz der jungen Familie zu erweitern. Für sich selbst schloß er ein Unfallversicherung ab,
die ihm und seiner Familie im Fall einer Berufsunfähigkeit eine monatliche Rente bezahlen sollte.
In dem Antragsformular wurde er nach Vorerkrankungen und besonderen Risikofaktoren gefragt. An die
Schwindelanfälle dachte er damals schon gar nicht mehr. Aber Google erinnerte sich sechzehn Jahre später
noch sehr genau daran!
Dumm gefallen - dumm gelaufen
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Die neue Zahnarzthelferin

oktor S. ist Zahnarzt in einer Kleinstadt im
Norden Hessens. Seine Praxis läuft gut und er beschäftigt drei Zahnarzthelferinnen. Eine von ihnen hat
kürzlich geheiratet. Sie wird in eine andere Stadt ziehen, weshalb sie gekündigt hat. Für sie sucht
Doktor S. Ersatz und deshalb hat er eine Stellenanzeige in der örtlichen Presse geschaltet.
Als Melanie K. die Anzeige liest, schreibt sie sofort ihre Bewerbung. Die Praxis ist nur wenige hundert Meter von ihrer
Wohnung entfernt und sie bräuchte noch nicht mal ein Auto, was sich wunderbar mit ihrer derzeitigen Situation
trifft. Zwei Stunden später ist sie mit ihrer Bewerbung fertig. Sie hat alles genau so geschrieben, wie es in dem Buch
Die erfolgreiche Bewerbung beschrieben wird. Sie präsentiert sich von ihrer besten Seite und ist sich deshalb
sicher, die Stelle zu bekommen. Noch am Abend geht sie zur Praxis um die Ecke und wirft ihre Bewerbung persönlich ein.
oktor S. wohnt direkt über seiner Praxis. Als er
gerade im Internet stöbert, hört er den Briefkasten klappern und wundert sich über die späte Post.
Neugierig geworden, geht er hinunter und holt Melanies Bewerbung aus dem blau emaillierten Kasten. Als er wieder an
seinem Schreibtisch sitzt und sichtlich beeindruckt Melanies Qualitäten bewundert, merkt er, daß er noch ins
Netz eingewählt ist. Da kommt ihm auf einmal die Idee, Melanies Namen in eine Suchmaschine einzugeben. Und da
staunt er nicht schlecht, als er die vielen Treffer sieht. Gleich der erste Eintrag verlinkt auf Melanies Homepage. Doktor S.
überfliegt die Seiten und stellt fest, daß Melanie Paragliding betreibt und dafür regelmäßig
verreist. Ein gefährliches Hobbie denkt sich Doktor S. und muß unweigerlich an Fehlzeiten und Streitereien
wegen der Urlaubsplanung denken. Er nimmt sich einen Zettel zur Hand und macht sich eine Notiz. Außerdem stand
von diesem wirklich außergewöhnlichen Hobbie nichts in der Bewerbung und so fragt er sich, ob sie das wohl
absichtlich verschwiegen hat und wie es um die Aufrichtigkeit dieser Person bestellt ist. Er macht sich eine weitere Notiz
und will schon zur Suchmaschine zurückklicken, als ihm die Linkliste auf Melanies Homepage ins Auge springt, wo
er einen Verweis auf die anonymen Alkoholiker findet. Doktor S. runzelt nachdenklich die Stirn und notiert auf seinem
Zettel: Alkoholprobleme? Das erinnert ihn an einen bestimmten Satz, den er in der Bewerbung las und er nimmt sie
nochmals zur Hand. Dort steht, daß seine Bewerberin die Stelle unbedingt auch deshalb haben möchte,
weil sie die Praxis zu Fuß erreichen kann. Doktor S. bekommt immer tiefere Falten auf der Stirn und er erinnert
sich daran, daß ihm ein Freund mal was von Newsgroups erzählte. Jetzt möchte er es wissen und
ruft bei Torsten an. Der erklärt ihm, wo und wie er suchen muß.
Doktor S. hat den rechten Zeigefinger noch auf der Returntaste, als schon die ersten Suchergebnisse auf dem Bildschirm
eintrudeln. Das hätte er nicht für möglich gehalten. Ungläubig überfliegt er die ersten Postings
und schon sehr bald stellt er fest, daß es sich tatsächlich um seine Bewerberin handelt. In der erweiterten
Suchmaske gibt er neben dem Namen Melanies nun noch die Stichworte Führerschein und Alkohol ein und tatsächlich
erkundigte sie sich - angeblich im Namen einer Freundin in der Newsgroup de.soc.recht.misc
danach, wie lange man nach einer Trunkenheitsfahrt auf den Führerschein verzichten müsse. S. nimmt die erweiterten
Suchbegriffe wieder heraus und liest quer Beet. Ein paar Monate zuvor hat Melanie - vorgeblich ebenfalls im Auftrag ihrer Freundin -
die Frage gestellt, ob eine Abmahnung wegen häufigen Verschlafens rechtens wäre und ob sie (die angebliche Freundin)
eine Kündigung befürchten müsse. Gleichzeitig schimpfte sie lauthals über den Arbeitgeber der angeblichen
Freundin, über den sie - dafür, daß es sich um den Chef der Freundin handelte - doch erstaunlich
viel wußte. Den Namen des Mannes nannte sie nicht. Aber den kennt Doktor S. ja aus Melanies Bewerbungsunterlagen als
den vorigen Arbeitgebers Melanies und er nimmt sich fest vor, am nächsten Tag bei seinem Kollegen anzurufen, um
Informationen über sie einzuholen, die wohl aus Gutmütigkeit seines Kollegen nicht den Weg in das Arbeitszeugnis
gefunden hatten. Sein Notizzettel ist beinahe schon voll.
eil es noch früh am Abend ist, stöbert
Doktor S. noch weiter in den Artikeln seiner Bewerberin und er liest auch ein paar Antworten darauf. Je länger er liest,
desto deutlicher kristallisiert sich heraus, daß Melanie ziemlich forsch und rechthaberisch ist. Mit Beleidigungen und
Herabwürdigungen ist sie schnell bei der Hand und so manches Mal wird sie von ihren Mitlesern als arrogant, zickig
und streitsüchtig bezeichnet.
Im Gedanken pflichtet Doktor S. dieser Einschätzung bei. Spät in der Nacht findet Doktor S. in einer medizinischen
Newsgroup zwar noch einige gute Beiträge von Melanie, die von großer fachlicher Kompetenz zeugen; Aber:
"Egal", denkt er, während er die bereits herausgesuchte Telefonnummer seines Kollegen wieder durchstreicht und
den Notizzettel lässig im Papierkorb versenkt, "es gibt ja noch andere Bewerber".
[nach oben]
High Fidelity

ndreas hat den Sprung vom mittleren in den
gehobenen Dienst geschafft und wird derzeit zum Kriminalpolizisten weitergebildet. Er ist froh, daß er keinen
Streifendienst mehr machen muß und freut sich über die vielen interessanten Fälle. Letzte Woche z.B.
begleitete er die Spurensicherung nach einem Einbruch in eine Wohnung am Stadtrand Hamburgs. Einbrüche
sind in dieser Gegend eher selten, denn der Stadtteil gilt als Armenviertel und dort ist normalerweise kaum etwas zu
holen. Trotzdem haben die Einbrecher reiche Beute gemacht. Sie haben eine Reihe hochwertiger Hifi-Geräte im
Wert eines Kleinwagens vorgefunden und mitgenommen. Diese Tatsache läßt Andreas keine Ruhe. Die
Einbrecher mußten genau gewußt haben, wo sie einsteigen müssen und die Nachbarwohnungen
blieben völlig unberührt. Das legte natürlich den Verdacht nahe, daß es sich bei den
Einbrechern um jemanden aus dem Bekannten- oder Verwandtenkreis handeln mußte. Aber das konnte
schon bald ausgeschlossen werden, nachdem man die in Frage kommenden Personen überprüft hatte.
In einem Fall wie diesem wird natürlich in alle Richtungen ermittelt und so prüften die Kollegen
natürlich auch, ob eventuell ein Versicherungsbetrug vorlag. Andreas sollte deshalb im Internet schauen,
ob der Bestohlene dort vielleicht die Geräte zum Kauf angeboten hat oder ob es Anhaltspunkte für ein
entsprechendes Vorhaben gab. Einen solchen Hinweis fand Andreas zwar nicht. Aber ihm wurde plötzlich klar,
warum man so gezielt bei Herrn B. eingestiegen war. Der hatte in diversen Newsgroups regelmäßig
über die Vorteile seiner Anlage geschwärmt, als in einer Fachgruppe ein Glaubenskrieg über
die Vorzüge verschiedener Markengeräte ausgebrochen war.
och damit nicht genug. Vor seinem Urlaub
meldete sich B. brav in den von ihm regelmäßig besuchten Newsgroups ab.
Und in einer Gruppe, die sich mit Aquaristik beschäftigt, schrieb er, daß er niemanden finden konnte, der
sich in der Zeit seiner Abwesenheit um seine Wohnung und vor allem um sein Aquarium kümmern konnte und
so wollte er wissen, wie lange die Tiere denn wohl ohne Futter zurecht kommen würden. Ein unbekannter Mitleser
hatte sich wohl erbarmt und sich um Herrn B.s Wohnung gekümmert. Nur die Fische - die hat er nicht gefüttert...
[nach oben]
Das X-11 Experiment

arkus war schon immer ein kleiner Aufschneider.
Und weil es mächtig was her macht, registrtierte er sich eine Internet-Adresse, die so klingt, als stecke dahinter die
offizielle Verwaltungsbehörde des Usenets. Diese Adresse schrieb er auffällig in den Body eines jeden
Usenetbeitrags. Aber das genügte ihm nicht. Schließlich arbeitete er bei einer angesehenen Firma der
IT-Branche. Also schrieb er die Firmen-E-Mail-Adresse sowie die Internetadresse seiner Firma zusätzlich in die
Signatur eines jeden Artikels, um seinen Beiträgen noch ein wenig mehr Gewicht zu verleihen und vor allem seine
Kompetenz zu unterstreichen.
Das ging lange gut. Aber leider ist Markus nicht nur ein kleiner Angeber, sondern auch ein ziemlich impulsiver Mensch,
der sich schnell ärgert. Und so kam es eines Tages, daß er sich in einer Linux-Gruppe über die Inkompetenz
eines anderen Teilnehmers ärgerte und ihm androhte, den kompletten Linux Sourcecode per Mail zu schicken, auf
daß er sich über das Thema informiere. Gleichzeitig rief er die anderen Teilnehmer der Gruppe auf, es ihm gleich zu tun.
un muß man wissen, daß sich das
alles zu einer Zeit abspielte, da es noch kein DSL gab, die Mailboxen noch nicht so üppig mit Speicherplatz
ausgestattet waren und daß der X-11 Quelltext mehrere hundert MB groß ist. Deshalb fand der Betroffene,
nennen wir ihn Harald, diesen öffentlichen Aufruf zum Mailbombing überhaupt nicht lustig. Drohte ihm
doch - sollte der Aufruf auf Resonanz stoßen - daß sein Postfach mit mehreren Gigabyte Daten gesprengt
werden würde.
Als die ersten Mailbomben in in Haralds Postfach landeten bekam er Panik und schickte eine E-Mail
an die Adresse, die er der Signatur von Markus entnahm. Darin bat er Markus, den Aufruf zum Mailbombing
zurückzunehmen. Pech für Markus, daß diese E-Mail wegen seines Urlaubs bei seinem Chef landete
und dieser stehenden Fußes Google zu Rate zog und zum Schluß kam, daß Markus den Ruf
der Firma schwer beschädigt hatte. Da half auch die Beteuerung nichts, daß alles doch nur ein Spaß war...
[nach oben]
Die falsche Meinung von gestern

oachim ist 36 Jahre alt, verheiratet und
Vater von 2 Kindern. Er lebt mit seiner Familie in München und ist von Beruf Programmierer. Seit drei Jahren
ist er arbeitslos. Bis vor kurzem konnte er sich noch mit Gelegenheitsaufträgen und dem Vertrieb von
eigenen Programmen durchschlagen. Doch irgendwann waren die letzten Reserven verbraucht und die
Aufträge wurden immer weniger.
Stetig wachsender Beliebtheit erfreute sich Deja dagegen bei einer kleinen, sehr
gut zu definierenden Zielgruppe: bei Arbeitgebern. Es gibt keinen kostenlosen
Suchdienst im Internet, der mit Deja mithalten könnte, wenn es darum geht, Surfern
hinterher zu schnüffeln. Deja archiviert alle Inhalte des Usenet seit 1995, jedes Posting, in jeder Gruppe.

Aber als er vor zwei Wochen die Stellenanzeige von Makrosoft Germany laß, schöpfte er wieder
Hoffnung. Die weltweit operierende Firma suchte für den Standort München Programmierer zur
Entwicklung einiger Tools für das neue 64-Bit Betriebssystem. Da er beste Qualifikationen vorweisen
und diese anhand eigener Projekte belegen konnte, war er guter Dinge, als er seine Bewerbung schrieb.
In seine Bewerbung schrieb er als Referenz für seine Leistungen noch die Internetadresse seiner
Homepage, auf der er seine eigene Software beschrieb.
ls er tatsächlich zum
Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, fragte man ihn nach einiger Weile, ob er sich den mit
den Produkten des Hauses Makrosoft identifizieren könne. Klar könne er das, antwortete
Joachim und wußte natürlich genau, daß das glatt gelogen war. Er hatte schließlich
die Raten für das Haus abzubezahlen und eine Familie zu ernähren.
Doch der Personalchef hatte sich vorbereitet und kurz vor dem Vorstellungsgespräch auch einen
Blick in das deutschsprachige Usenet geworfen. Dort stolperte er über einige Newsbeiträge,
in denen Joachim über die Produkte und die Geschäftspolitik von Makrosoft herzog.
Darüberhinaus fand er sogar einen Artikel von Joachim, in dem er den Firmenchef von Makrosoft
persönlich verunglimpfte. Daran, daß es sich um den Joachim K. handelte, der nun vor ihm
saß, gab es keinen Zweifel, denn in einigen dieser Postings lobte er seine eigenen Programme.
Warum Joachim dennoch zum Vorstellungsgespräche eingeladen wurde? Es war schlichtweg zu
spät, den Termin abzusagen. Den Job hat er nicht bekommen und auch nicht erfahren, warum.
[nach oben]
Der Fake

arl Heinz Mahler ist von Beruf
Psychiater und hatte bis vor wenigen Jahren noch keine Problem damit, seinen Lebensunterhalt mit
seiner Arbeit zu bestreiten. Die Praxis war stets gut besucht und sein Ruf makellos.
Die Wende kam, als er im Usenet mit einem anderen Teilnehmer wegen einer Banalität in einen Konflikt
geriet. Da Karl-Heinz aber nicht an Streitereien interessiert war, entschied er sich als Profi dazu, seinen Kontrahenten
einfach zu ignorieren. Doch das ärgerte den nur noch mehr und so begann der wiederum damit, jeden
Falls Sie sich, lieber Leser, daran stören, daß
der Angreifer in diesem Beispiel der anonyme Teilnehmer ist, so möchte ich darauf hinweisen, daß hier
kein argumentativer Widerspruch vorliegt, denn der Betreiber der Webseite ist sich selbstverständlich
darüber bewußt und möchte auch nicht verschweigen, daß die Anonymität oft
auch mißbraucht wird.
Ein Pseudonym kann auch gegen anonyme Angriffe schützen
Beitrag von Karl-Heinz höchst abfällig zu kommentieren. Karl-Heinz blieb konsequent und schwieg eisern.
Das hätte er auch seinen Patienten so empfohlen. Eine Weile lang kehrte Ruhe ein und Karl-Heinz atmete auf.
och plötzlich geschahen
merkwürdige Dinge. Er registrierte, daß jemand unter seinem Namen Beiträge schrieb.
Zunächst glaubte er an eine zufällige Namensgleichheit und dachte sich nichts weiter dabei.
Allmählich bemerkte er aber, daß dieser andere Teilnehmer wie zufällig in den gleichen
Gruppen wie er schrieb, sich in die selben Diskussionen einbrachte und auch sonst geradewegs so tat, als
sei er der echte Karl-Heinz Mahler. Er kopierte seinen Schreibstiel, formatierte seine Texte genauso wie
Karl-Heinz und hatte sich sogar eine E-Mail Adresse registriert, die seiner E-Mail Adresse so sehr
ähnelte, daß kein normaler Leser den Unterschied von selbst hätte bemerken können.
Selbst den Abschiedsgruß von Karl-Heinz wurde kopiert. Anfangs intervenierte der echte Karl-Heinz
noch, doch dann resignierte er schließlich und zog sich mehr und mehr aus dem Usenet zurück.
Schon bald schrieb der falsche Karl-Heinz Mahler auch in anderen Gruppen, wovon der echte Karl-Heinz oft nichts
bemerkte. Die Beiträge des falschen Karl-Heinz waren im allgemeinen durchaus vernünftig, jedoch immer
häufiger auch mit abfälligen Bemerkungen und Beleidigungen gespickt. Außederdem erzählte er
frei efundene, aber durchaus plausibel klingende Anektoden über seine dummen Patienten, über
ihre Krankheiten und Probleme. Hier und dort nannte er sogar erfundene Namen und pikante Details, so daß
jeder Mitleser glauben mußte, Karl-Heinz kenne weder Datenschutz noch Diskretion und schon gar keine
Schweigepflicht. Es fanden sich schmähende Bemerkungen wie Mein Nachbar hat auch einen an der
Waffel oder Die alte Schlampe von gegenüber lag auch schon auf meiner Couch, wobei er
es in diesen Fällen geschickt vermied, konkrete Namen zu nennen.
rgendwann blieb das Wartezimmer
in Karl Heinz' Praxis ganz leer. Er ahnte zwar, daß dies etwas mit den Vorkommnissen im Usenet zu tun
haben könnte, aber so richtig daran glauben wollte er nicht. Und schließlich kann er es ja auch
nicht wissen, weshalb die potentielle Kundschaft ausbleibt. Und den Patienten, die nicht in seiner Praxis
erscheinen, kann er schließlich auch nichts erklären...
[nach oben]
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