Die Stadt

Die Stadt (Motoquette)

s war einmal eine beschauliche Kleinstadt in Bayern. Dort lebte eine Handvoll Menschen, die immerhin fast glücklich und beinahe zufrieden waren. Doch die Harmonie wurde durch die Kneipe am Ende der großen Ausfallstraße westwärts gestört. Dort trafen sich nämlich regelmäßig die Motorradfahrer aus dem ganzen Umland. Das machte natürlich Lärm. Und obwohl noch nie jemandem auch nur ein Haar gekrümmt worden war, fühlten sich einige der Anwohner von den Rockern sogar bedroht. Also mußte dringend etwas geschehen. Und weil die Leute nicht dumm waren, setzten sie den Kneipenwirt so lange unter Druck, bis der seine Kneipe an einen Koch aus dem Nachbardorf verkaufte. Der machte daraus ein nobles Restaurant und so war das Problem gelöst. Nun endlich konnten die Leute in der Stadt wirklich glücklich und ganz zufrieden sein.

Das Usenet ist eine Bastion, die verteidigt werden will. Hoeflichkeit bleibt da auf der Strecke, da hilft echt nur noch kochendes Oel die Burgmauern runter.

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Aber das Glück wollte sich nicht so recht einstellen, denn nun trieb sie die Angst um, daß es irgendwann einmal wieder wie früher werden könnte. Und so beschlossen die Wortführer der kleinen Stadt, daß man die Stadt verteidigen müsse und deshalb alles tun werde, damit die Rocker ihrer schönen Stadt auch künftig fernblieben. Und so geschah es, daß die Anwohner am Ende der großen Straße westwärts eine Regel aufstellten, die das Motorradfahren in der Stadt untersagte.

rgendwann breitete sich diese Masche auch in anderen Gemeinden der Umgebung aus und die Motorradfahrer klagten schon bald ihr Leid, daß sie sich nicht mehr frei entfalten konnten und große Umwege in Kauf nehmen mußten, während die Autofahrer bequem alle Straßen befahren durften. Die Regierung wurde aufmerksam. Sie beschloß nach langer Beratung, daß Rechtssicherheit geschaffen werden müsse und verabschiedete ein Gesetz, welches den Städten untersagte, das Motorradfahren zu verbieten. Schließlich sei Motorradfahren nicht böse und überdies völlig legal. Widerwillig und mit Entsetzen nahmen die Leute unserer kleinen bayrischen Stadt dieses "völlig unsinnige" Gesetz zur Kenntnis.

In Ihrer Not fingen die Bewohner am Ende der Straße westwärts an, alle Motorradfahrer anzupöpeln. An Tankstellen, auf dem Rathausvorplatz und auch auf den Parkplätzen vor den Geschäften. Einfach immer und überall, wo sich die Gelegenheit bot, wurde gepöbelt. Denn wenn man das Motorradfahren schon nicht verbieten konnte, so konnte man es doch wenigstens ordentlich vermiesen. Ein paar Schlaumeier nutzten diese Tatsache, um ihr eigenes Pöbeln als wohlgemeinte Hilfe zu verkaufen. Denn wenn schon aus naheliegenden Gründen nicht der Beweis geführt werden konnte, daß Motoradfahren a priori böse ist, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, Vorurteile zu kultivieren, so konnte man doch ganz bequem anhand der Vorurteile der Nachbarn beweisen, daß es dennoch besser sei, auf das Motorradfahren zu verzichten. So argumentierte Meier mit den Vorurteilen von Schulz und Schmid, während Schmid mit den Pöbeleien von Meier und Schulz argumnentierte. Schulz berief sich hingegen auf die Vorbehalte von Meier und Schmid und legte dabei, wie die anderen beiden Wert auf die Feststellung, daß er selbst ja keine Vorurteile pflege und doch nur helfen wolle.

Sie wurden nicht müde, den Motorradfahrern Vorwürfe zu machen und ihnen von ihren schlechten Erfahrungen mit den Rockern zu berichten. Sie erzählten davon, wie böse die Rocker waren und daß sie deshalb nicht mehr wollen, daß in Ihrer Stadt Motorrad gefahren wird. Sie schrieben sogar eine Motiquette, hängten sie überall auf und sie klebten sie sogar an parkende Motorräder.

Benutzen Sie ihr Auto, kein Motorrad!

In der unserer Stadt treiben sich Motorradfahrer herum und benehmen sich schlecht. Mit einem Auto würden sie das nicht tun. Aufgrund der negativen Erfahrungen, die viele Leute mit Motorradfahrern gemacht haben, sollten Sie deshalb nicht Motorrad fahren.

Auf einigen Plätzen, die der sportlichen Betätigung dienen, werden Motorräder in Ausnahmefällen geduldet.

uch untereinander erzählten sich die Einwohner immer wieder die Geschichten von früher, als es noch diese berüchtigte Kneipe gab. Auf diese Weise konnten sie viele neue Anhänger für ihr Engagement gegen das Motorradfahren rekrutieren. Die Neuen plapperten schon bald eifrig nach, was man ihnen erzählte, obwohl sie selbst noch nie schlechte Erfahrungen mit Motorradfahrern gemacht hatten. Aber das störte sie nicht weiter, denn die Legende der bösen Rocker klang so plausibel, daß es sich wirklich nicht lohnte, darüber nachzudenken, ob es vielleicht auch nette Motorradfahrer geben könnte. Außerdem wollten sie ja dazugehören und man konnte sich durch besonders eifriges Pöbeln profilieren. Und was solls. Wenn man nicht zufällig selbst ein leidenschaftlicher Motorradfahrer ist, ist es nicht schwer, die paar Motorradfahrer für böse zu halten. Wie die auch immer böse blickend und provokant auf ihren Maschinen sitzen und dann noch dieses schwarze und stinkende Leder...

Einige Tankstellenbesitzer, man erzählt sich, es wären ausgerechnet die mit dem besten Sprit gewesen, gaben Motorradfahrern irgendwann auch kein Benzin mehr. Das gefiel den Anwohnern natürlich sehr. Wer bis dahin noch nichts gegen Motorradfahrer hatte, kam spätestens jetzt ins Grübeln. Denn wenn die schon kein Benzin mehr bekommen, so dachten sie, dann muß an der Sache mit den bösen Rockern ja was dran sein! Der Bäcker, der sich bis dahin aus der Sache herausgehalten hatte, wurde skeptisch und beschloß, künftig keine Biker mehr zu bedienen. Der Metzger wollte sich dem zunächst nicht anschließen und verkaufte seine Ware grundsätzlich an jeden. Aber das hielt er nicht lange durch, denn als das Gerücht die Runde machte, er sympatisiere mit den bösen Rockern, blieb die Kundschaft weg. Also schloß er sich dem Treiben an. Und so wie dem Metzger ging es nicht nur den Kaufleuten in der Stadt, sondern jedem, der sich nicht an der Hetze beteiligte. Wer nicht mitmachte, setzte seinen guten Ruf aufs Spiel und machte sich als Sympatisant verdächtig. Diesem Druck hielt kaum einer lange stand und schon bald traute sich keiner mehr, den Motorradgegnern am Ende der Straße westwärts zu widersprechen. Und weil das so war, daß keiner den Mund aufmachte, glaubte jeder von jedem, er sei ebenfalls ein überzeugter Motorradgegener, was den Konformitätsdruck noch steigerte. Damit war die öffentliche Meinung in der Stadt besiegelt. Und ja, es war doch auch für alle ein Heidenspaß zuzusehen, wenn wieder mal ein Rocker seine Maschine ächzend aus der Stadt schob, weil er keinen Sprit bekam!

ann immer ein Reisender mit dem Motorrad in dem beschaulichen Städtchen hielt, um nach dem Weg zu fragen, teilten ihm die Anwohner erst einmal feierlich mit, daß es unhöflich sei, in ihrem Städtchen Motorrad zu fahren und daß sie ihm nicht helfen würden, wenn er das nächste Mal wieder mit dem Motorrad in die Stadt käme. Außerdem bekäme er weder Verpflegung, noch Benzin. Es war ihnen egal, ob der Reisende überhaupt danach gefragt hatte oder nicht. Höflichkeit ist schließlich optional und man handelte ja doch irgendwie in Notwehr und für eine bessere Welt (also eine ohne Motorradfahrer). Mit dieser Erkenntnis beruhigten sie ihr Gewissen, falls es sich doch einmal zufällig zu Wort meldete. Und immer dann, wenn einer der Biker angesichts der gegen ihn erhobenen Vorwürfe sichtlich berührt versicherte, daß er doch eigentlich nichts angestellt habe und auch nichts böses im Schilde führe, sagte man ihm, daß diese Diskussion in der Stadt nicht geführt werden dürfe und er in den nahen Wald gehen müsse, falls er darüber reden wolle. Dort hatten die Bewohner der Stadt nämlich eine verlassene Scheune zum Diskussionsforum für Motorradfahrer umgebaut. Außerdem hatte man das Informationszentrum für Neuhinzugezogene und die lokale Presse in der Stadt auf moderiert umgestellt, was euphemistisch bedeutet, daß es den Bürgern und Journalisten der Stadt strengstens untersagt war, sich dort postitiv zum Motorradfahren oder kritisch gegenüber den Motorradgegnern zu äußern.

Soblad die Einwohner der Stadt das Gefühl hatten, einen unerfahrenen Neuling vor sich zu haben, der sich nicht auskennt, behaupteten sie frech, das Gesetz gelte für ihre Stadt nicht und es herrsche deshalb nach wie vor striktes Motorradverbot. Wenn das nichts half, schwindelten einige auch schon mal, daß ein Motorrad aus technischen Gründen nicht mit den Spezifikationen des verwendeten Asphalts in der Stadt kompatibel sei und deswegen aufgrund der Richtlinie RFC 1036 nicht zugelassen wäre.

Wer anderen Vorwürfe macht, daß sie etwas tun/nutzen/anwenden/einsetzen, was nicht nur legal sondern auch wie in diesem Fall völlig legitim ist, macht sich IMHO zum Brot.

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o ging das einige Jahre. Aber das Städtchen wuchs und es zogen immer neue Menschen her. Natürlich waren unter ihnen immer wieder auch ein paar leidenschaftliche Motorradfahrer. Viele von ihnen waren schon im gehobenen Alter und fuhren Motorrad, um ihren Jugendtraum zu verwirklichen und Spaß zu haben. Alles andere als Rocker. Doch auch die bekamen trotz ihres Wohlverhaltens die ganze Abneigung zu spüren. Auch sie durften nicht tanken, wurden an jeder Ecke auf die Schlechtigkeit ihres Hobbies hingewiesen und wurden in den meisten Geschäften nicht bedient. Man warf ihnen pauschal Unhöflichkeit vor und zeigte mit den Fingern auf sie, weil sie sich nicht an die Motoquette und die Gepflogenheiten der Stadt hielten. Und das auch dann, wenn sie die Höflichkeit in Person waren, niemanden belästigten und niemanden störten.

Irgendwann in der vorletzten Woche eskaltierte die Situation mal wieder und einem der Motorradfahrer, der sich bis dahin tadellos verhalten hatte, platzte der Kragen. Er wurde an diesem Morgen schon fünfmal angepöbelt und während er sich beim Bäcker vergeblich bemühte, Frühstücksbrötchen einzukaufen, hatte jemand mit Tesafilm eine Motoquette an sein Motorrad geklebt. Dem sechsten Hinweiser (der es nur gut meinte) schlug er ein blaues Auge und machte sich sodann verärgert davon. Die Neuigkeit, daß mal wieder ein freundlicher Hinweiser von einem bösen Rocker völlig grundlos zusammengeschlagen wurde, verbreitete sich schnell in der kleinen Stadt. Man hatte es ja immer gewußt: Motorradfahrer sind böse! Und nein, wie man sieht sind es ganz gewiß keine Vorurteile!

 
 

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