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öffentliche Meinung
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Die Schweigespirale
aß die Argumente der Realnamebefürwortung
nicht auf rationalen Überlegungen, sondern auf unzulässigen Verallgemeinerungen einzelner Erfahrungen, also auf
Vorurteilen und Emotionen beruhen, steht angesichts dessen,
daß der Realname überhaupt nur im deutschsprachigen Usenet eine Rolle spielt, außer Frage. Das der
Diskussion zugrunde liegende Vorurteil läßt sich sogar im Klartext in der Kirchwitz-Netiquette
nachlesen.
Kirchwitz-Netiquette Punkt 14:
Aufgrund der negativen Erfahrungen, die viele Leute im Netz
mit den Trägern solcher Pseudonyme gemacht haben, sollten Sie Ihre Artikel mit Ihrem wirklichen Namen
versehen.
Erstaunlich dabei ist die Tatsache, daß sich die Vertreter dieser behaupteten Mehrheitsmeinung der
Irrationalität ihrer Meinung nicht im geringsten bewußt zu sein scheinen und in der Diskussion
regelmäßig darauf beharren, ihre Meinung müsse schon deshalb die richtige sein, weil sie von der
Mehrheit vertreten werde. Da dieser behauptete Konsens auch als Druckmittel gegenüber pseudonymen bzw.
anonymen Teilnehmern Anwendung findet wirft das die Frage auf, was von diesem Konsens zu halten ist, ob er in
überhaupt existiert und wenn ja, wie er zustande kam.
ie Evolution hat schon sehr früh
herausgefunden, daß der Zusammenschluß einzelner Einheiten zu größeren Verbänden
von großem Nutzen ist und maximalen Schutz bietet. Einzelne Zellen schlossen sich zu komplexen Organismen
zusammen. Das Konzept war so erfolgreich, daß es sich nicht nur auf der biologischen Ebene durchsetzte. Die
einzelnen Organismen bildeten ihrerseits soziale Gemeinschaften und erlangten damit gegenüber konkurrierenden
Organismen einen bedeutenden Überlebensvorteil. Auch der Mensch ist ein soziales Wesen und auf Gedeih und
Verderben von seiner Umwelt abhängig. So ist es wahrscheinlich genetisch programmiert, daß sich sofort
Gruppen bilden, kaum daß sich ein paar Menschen zusammenfinden. Die einzelnen Mitglieder der Gruppen ordnen
sich anschließend instinktiv den Menschen unter, die ihnen als Führer geeignet scheinen, der Gruppe gegenüber
konkurrierenden Gruppen Vorteile zu verschaffen. Da der Sinn der Gruppenbildung darin liegt, die einzelnen Individuen
gegen die Bedrohung von Außen zu schützen, ist die Integrität der Gruppe immens wichtig und es
muß vermieden werden, daß sich die einzelnen Mitglieder mehr als unbedingt notwendig (Hackordnung)
gegenseitig bekämpfen.
Einer dieser Gleichschaltungsmechanismen hat Elisabeth Noelle-Neumann [1] in den
70er Jahren erkannt und als Schweigespirale bezeichnet. Die Konzeption der Schweigespirale geht davon aus, daß
der soziale Verbund das abweichende Mitglied mit dem Ausstoß oder der Isolation in der Gruppe bedroht
(Bezogen auf die Realnamediskussion im Usenet sind dies die zahlreichen Hinweise, daß man ohne die Preisgabe
des Namens wenige bis gar keine Antworten erwarten könne). Die demgegenüberstehende Isolationsfurcht
veranlaßt das einzelne Individuum deshalb dazu, sich ständig einen Überblick über die
gebilligten Meinungen und Verhaltensweisen seiner Umwelt zu verschaffen und das eigene Verhalten zu einem
gewissen Grad auch dann diesem vermeintlichen Konses anzupassen, wenn es seinen persönlichen Interessen
oder eigenen moralischen Ansichten widerspricht. Das geht soweit, daß das, was als die öffentliche Meinung
wahrgenommen wird, unbewußt verinnerlicht und auch dann mit Überzeugung verteidigt wird, wenn es
sich schon durch einfaches Nachdenken als falsch erweisen könnte. Stanley Milgram hat dazu in den 60er
und 70er Jahren interessante Experimente [2] durchgeführt und Menschen sogar dazu gebracht, andere
Menschen zu töten (Was natürlich nicht wirklich passierte). Den absehbaren Konflikt zwischen rationalem
Denken und dem Konformitätsverhalten beseitigt das menschliche Hirn mit Leichtigkeit durch Selbstbetrug, indem
es passende emotionale Argumente konstruiert und ihnen die Priorität einräumt. So kommt es, daß die
Meinung eines Menschen nicht immer auf Argumenten beruht, sondern daß er Argumente oft um die
vorgefaßte Meinung herum konstruiert, um sein eigenes Weltbild nicht zu erschüttern.
Da sie die Absonderung mehr als den Irrtum fürchten,
so gesellen sie sich zu der Menge, ohne wie diese zu denken.
Tocqueville, Charles Alexis (1805-1859)
ie beschriebenen gruppendynamischen
Mechanismen sind natürlich völlig normal und waren in früheren Zeiten sicher auch
Überlebensnotwendig. Das gefährliche daran ist jedoch, daß das Programm noch heute tief in
unserem Innersten verankert ist und deshalb absolut zuverlässig und meist völlig unbewußt abläuft.
Das eröffnet leider die Möglichkeit des Mißbrauchs durch Massenmanipulation. So ist es Eingeweihten
leicht möglich, die gruppendynamischen Mechanismen zu instrumentalisieren und durch ständige, lautstarke
und öffentliche Wiederholung einer bestimmten Meinung das, was als die sog. öffentliche Meinung
wahrgenommen wird, nachhaltig zu prägen. Wie zuverlässig das funktioniert ist uns aus den Jahren
1933-1945 in schmerzlicher Erinnerung.
Auch der im deutschsprachigen Usenet behauptete Konsens bezüglich der Preisgabe des Realnames spiegelt
sicher nicht die innere Überzeugung aller vermeintlichen Anhänger wieder, denn sonst müßten
die gleichen Teilnehmer auch in anderen Kommunikationsmedien auf die Preisgabe des Realnames pochen, sondern ist
zum großen Teil auf die oben beschriebenen gruppendynamischen Zusammenhänge zurückzuführen.
Denn der Wunsch dazuzugehören und die Furcht vor Isolation läßt die Mehrheit derer schweigen, denen
der Realname dem Grunde nach völlig egal ist. Dieses Schweigen bzw. das Fehlen der öffentlichen Kritik an den
Reallnameforderungen wird aber widerum als die Bestätigung des behaupteten Konsens wahrgenommen und
verstärkt sich damit selbst, weshalb Elisabeth Noelle-Neumann den Mechanismus treffend als
Schweigespirale beschrieben hat. Je stärker der behauptete Konsens als öffentliche
Meinung angenommen wird, desto größer wird auch der Konformitätsdruck
auf die einzelnen Individuen, die die Meinung sodann unreflektiert übernehmen und sie quasi zum Beweis ihrer
Gruppenzugehörigkeit wieder öffentlich streuen. Das bedeutet, daß die vermeintliche Minderheitsmeinung
mit der Zeit zur tatsächlichen Minderheitsmeinung wird, da in dem Maße, wie die Anhänger der eigentlichen
Mehrheitsmeinung verstummen, die Anhänger der eigentlichen Minderheitsmeinung ermutigt werden ihre Ansichten
öffentlich zu äußern.
Letztendlich dürfte die Sonderstellung des deutschsprachigen Usenet in Sachen Realname alleine auf die
Vorurteile einiger weniger Teilnehmer und auf die Tatsache zurückzuführen sein, daß sie von
Andreas M. Kirchwitz in der Kirchwitz-Netiquette niedergeschrieben und damit zementiert [3] worden
sind. Aufgrund einer Abstimmung über die aktuelle Version der Kirchwitz-Netiquette wurde und wird bis heute ein nicht wirklich
existierender, weil angesichts der offenen Struktur des Usenets und angesichts der geringen Anzahl der Abstimmenden
(244
Stimmen [4]), der eine unbekannte Anzahl von Usenetteilnehmern gegenübersteht, unmöglicher
Konsens behauptet. Die Nachhaltigkeit, Lautstärke und Penetranz dieser Behauptung prägt jedoch die
öffentliche Meinung in der beschriebenen Weise.
Wenige sind imstande, von den Vorurteilen der Umgebung
abweichende Meinungen gelassen auszusprechen; die meisten sind sogar unfähig, überhaupt zu solchen
Meinungen zu gelangen.
Albert Einstein (1879-1955)
lleine die Tatsache, daß der Realname
in dem meisten anderen Hierarchien und Kommunikationsmedien keine wesentliche Rolle spielt, spricht nicht für die
Tragfähigkeit der Argumente der Realnameverfechter, denn sonst hätten sich diese Medien und
Hierarchien in ähnlicher Weise hin zum Realnamefetischismus entwickeln müssen. Die oft und gerne
hervorgehobene Sonderstellung des deutschsprachigen Usenets spricht also nicht etwa für, sondern gegen
die Argumentation der RNF. Nachdem man in zahlreichen Diskussionen zähneknirschend
einräumen mußte, daß es gute Gründe geben kann, die gegen die Preisgabe personenbezogener
Daten in öffentlichen Datennetzen sprechen, darf man wohl davon ausgehen, daß die Frage nach dem Realnamen
zum großen Teil nur noch das Mittel ist, den Anpassungswillen neuer Teilnehmer auszuloten. Der Maintainer
der Kirchwitz-Netiquette:
Es geht doch überhaupt nicht allein um den Realname, sondern um
das Akzeptieren von Regeln allgemein.
(<slrn7q4j7d.j4h.amk@krell.snafu.de> )
Die Mechanismen der Schweigespirale in Kurzform:
-
Es besteht bei einem Individuum der Wunsch, im sozialen Umfeld nicht isoliert zu sein. Daraus ergibt sich ein
Konformitätsverhalten in Gruppensituationen, d.h. man schließt sich aufgrund eines Gruppendruckes
der Mehrheit an.
-
Menschen verfügen über ein "quasi-statistisches Wahrnehmungsorgan", d.h. sie haben die Fähigkeit,
innerhalb ihrer Bezugsgruppe und der anonymen Öffentlichkeit die Zu- oder Abnahme von Meinungsverteilungen
wahrzunehmen.
-
Die eigene Meinung wird verschwiegen, wenn man denkt, daß die Mehrheit anderer Meinung sei. Auf der
anderen Seite ist man redebereit, wenn man sich zu der Meinungsmehrheit zugehörig fühlt.
-
Auf diese Weise entsteht unter Einbeziehung des Zeitfaktors eine dynamische Entwicklung, d.h. die zunehmende
Meinungsfraktion erscheint immer stärker und die abnehmende Fraktion immer schwächer, als sie
eigentlich ist. Es entsteht die Schweigespirale.
Quelle:
http://www.bwl-bote.de/20030312.htm
Fußnoten
[1] |
Elisabeth Noelle-Neumann, "Die Schweigespirale". |
[2] |
Rechtliche und psychologische Aspekte von Gehorsam sind zwar sehr
wichtig, sie sagen aber wenig über das Verhalten eines Menschen in einer konkreten Situation. Ich wollte mit dem
Experiment feststellen, wieviel Schmerz ein Mensch einem Anderen zufügen würde, bloß weil ihn
ein Experimentator dazu auffordert. Autorität stand gegen den starken moralischen Grundsatz der Versuchsperson
andere nicht zu verletzen, und obwohl Schmerzenschreie offensichtlich waren, gewann in der Mehrzahl der Fälle
die Autorität. Die extreme Bereitschaft von erwachsenen Menschen, einer Autorität fast beliebig weit zu
folgen, ist das Hauptergebnis der Studie, und ist eine Beobachtung, die dringender Erklärung
bedarf.
Stanley Milgram
http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Milgram-Experiment.html
http://www.sylvia1967.at/konform.html
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[3] |
Auf derartige Texte kann unseres Erachtens nicht durch ein RfD/CfV-
Verfahren eingewirkt werden. Durch die Veröffentlichung eines Textes in de.newusers.infos stellt der Autor/Maintainer
eines solchen Beitrages seine dort geäußerten Ansichten nämlich nicht zur Disposition von Mehrheitsbeschlüssen.
[...] Statt dessen ist eine Änderung nur dadurch möglich, daß man den Maintainer davon überzeugt, daß sie
sinnvoll und notwendig ist.
(<Abweisung-Netiquette-RfD-28.02.02@dana.de>)
Das wird ein Ding der Unmöglichkeit sein, denn Andreas M. Kirchwitz hätte die Realnameempfehlung
sogar noch strenger formuliert:
Ich persönlich würde eine strengere Formulierung
zwar begrüßen (nicht nur bei den Realnames ;-), aber das wäre nicht
konsensfähig.
(<slrn7d3r6p.61f.amk@krell.snafu.de>)
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[4] |
Leider konnte das Originalposting mit dem Abstimmungsergebnis
(Mid: <RESULT-Netiquette-06.08.1997@dana.de>)
in Google nicht gefunden werden. Hier der Bezug:
(<iVevXoMHT4OF-pn2-hGqdkHfUK068@deepspacenine>)
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