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Netzname
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er lang ersehnte Urlaub steht vor der
Tür und wie jedes Jahr stellt sich Ihnen die Frage, wer die Blumen gießen und die Fische füttern
soll. Nur ist die Entscheidung dieses Jahr nicht so einfach wie sonst, denn Sie sind gerade erst umgezogen und
kennen Ihre neuen Nachbarn noch nicht so gut. Wem also wollen Sie Ihre Schlüssel anvertrauen?
Die Antwort steckt eigentlich schon in der Frage, denn es muß natürlich jemand sein, dem Sie
vertrauen können. Denn wer Ihre Schlüssel bekommt, hat zwei Wochen Zeit und damit die Gelegenheit,
die bekanntlich Diebe macht. Dabei muß Ihnen noch nicht einmal die Stereoanlage oder das Bargeld abhanden
kommen, denn es kann Ihnen auch völlig unbemerkt die Intimsphäre gestohlen werden. Wer Ihren
Schlüssel bekommt, kann Ihre Briefe lesen, Ihre Fotos angeschauen oder Ihr Schlafzimmer durchsuchen.
Ihr Wohnungsschlüssel ist sozusagen der Schlüssel zu Ihrer Privatsphäre und es will gut
überlegt sein, wem Sie ihn anvertrauen.
ur was hat das mit dem Internet zu tun?
Ganz einfach, es war natürlich eine Analogie. Denn auch in den Datennetzen gibt es einen solchen Schlüssel
zu Ihrer Privatsphäre - nämlich Ihren Namen. Wer ihn kennt, dem stehen alle Recherchemöglichkeiten,
sowohl innerhalb des Datennetzes selbst, als auch außerhalb offen. Ein Teilbereich des Internets ist hier besonders
hervorzuheben, nämlich das Usenet. Das Usenet ist eine Art Sammlung schwarzer Bretter. Jedes dieser Bretter ist
ein Diskussionforum zu einem bestimmten Thema, wo man seine Meinung, sein Wissen und seine Erfahrungen mit
anderen Teilnehmern austauschen kann. Das Problem dabei ist, daß das Usenet keine geschlossene Gruppe ist,
sondern genauso wie das Internet selbst absolut öffentlich und jedermann zugänglich. Sie können
also nicht wissen, wer ihre Diskussionsbeiträge liest und was er mit diesen Informationen anfängt.
Gefährlich ist dieser Umstand deshalb, weil man sich dort mit Leuten austauscht, die man im Laufe der Zeit
auf diesem Wege
kennengelernt hat und zu denen man deshalb ein gewisses Vertrauensverhältnis aufgebaut hat. Wer hier nicht
aufpaßt neigt schon nach kurzer Zeit dazu, auch persönliche Dinge preiszugeben, die er sonst nicht an die
Öffentlichkeit getragen hätte. Schnell vergißt man nämlich die anonyme und stille Mitleserschaft
in aller Welt.
Doch auch wer sich dieses Umstands bewußt ist und nur sehr vorsichtig persönliche Dinge über
sich preisgibt, unterschätzt die Möglichkeiten des Datennetzes. Denn jeder einzelne Beitrag wird in
unzähligen öffentlichen und privaten
Datenbanken
archiviert und kann jederzeit mit anderen Beiträgen zusammengeführt und nach beliebigen Kriterien
ausgewertet werden. Auf diese Weise ist es häufig sehr einfach, ein ziemlich genaues Persönlichkeitsprofil
eines Teilnehmers zu erstellen. Da das Usenet nach Themen in verschiedene Gruppen aufgeteilt ist, lassen sich
beispielsweise schon alleine anhand der besuchten Gruppen die Neigungen und Interessen eines Teilnehmers
ermitteln. Und weil die einzelnen Beiträge für diese einfachste Form der Auswertung noch nicht einmal
gelesen werden müssen, kann diese Arbeit sogar von einem
Programm
automatisch, blitzschnell und ohne jeden Aufwand erledigt werden. Ein pfiffiger Fahrradhändler könnte
beispielsweise die Namen aller Teilnhemer der Usenetgruppe <de.rec.fahrrad>
mit einer handelsüblichen Telefon-CD abgleichen und seine Werbung gezielt an die Übereinstimmungen
schicken. Ein paar doppelte Namen oder falsche Treffer dürften da angesichts der ansonsten wohl vorsortierten
Kundschaft kaum ins Gewicht fallen.
ie zusätzliche Werbung in der Post ist
zwar lästig, aber noch harmlos. Viel problematischer sind die Inhalte der Artikel, die sie im Usenet veröffentlichen.
Ein einfaches Beispiel bringt uns zur Einleitung dieses Artikels zurück. Stellen Sie sich nur vor, sie beabsichtigen
tatsächlich in den Urlaub zu fahren und teilen dies unbekümmert und in froher Erwartung Ihren
Diskussionspartnern im Usenet mit. Obwohl sie diese Mitteilung für harmlos und unwichtig halten, könnte
es passieren, daß Sie während des Urlaubs tatsächlich bestohlen werden. Denn wer Ihren Namen
kennt, hat ziemlich gute Chancen, auch die Adresse der während des Urlaubs verwaisten Wohnung herauszufinden
(vgl.: panaoia.htm).
Versicherungsagenturen oder Personalleiter als Beispiel bedienen sich
heutzutage der umfassenden Informationen im Netz und starten Suchabfragen über eine bestimmte Person oder
übergeben den Auftrag gleich an einen spezialisierten Service-Anbieter, der die Mosaiksteinchen sammelt und
zu einem Profil zusammenstellt. Auf die Weise können sehr umfangreiche Datensammlungen angelegt werden,
die mitunter schon Leute entlarvt haben, die offen im Netz über ihre Krankheiten gesprochen oder über
ihre Firma gehetzt haben, Geschäftsgeheimnisse offenbarten oder Informationen über ihre politische
Gesinnung, Glauben oder zu anderen Themen öffentlich machten.
<www.xdial.de>
Ebenso verhält es sich mit allen anderen Informationen, die sie über sich preisgeben. Sie mögen
Ihnen zunächst harmlos und unverfänglich erscheinen und dennoch können sie Ihnen, vielleicht
auch sehr viel später - wir erinnern uns an die Archive, zum Verhängnis werden. Sie könnten wegen
einer unüberlegten Äußerung Ihren Job verlieren oder nicht befördert werden, ohne jemals den
Grund dafür zu erfahren. Oder Sie könnten den Arbeitsplatz für den Sie sich beworben haben trotz
bester Qualifikation nicht bekommen, weil ihr potentieller Arbeitgeber Sie wegen einer einstmals harmlosen Mitteilung
im Usenet oder wegen Ihres dortigen Auftretens für nicht geeignet hält. Natürlich wird er Ihnen den
wahren Grund für die Ablehnung nicht mitteilen. Derartige Fälle gibt es bereits. Und sie nehmen zu, denn
auch Arbeitgeber haben das Recherchepotential des Internets längst erkannt und schöpfen es aus.
Sinngemäß gilt das natürlich für alle Personen und Institutionen, zu denen man in irgendeiner
Form in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen kann: Lehrer, Vermieter, Ämter, Banken, Versicherungen...
Nur um ein letztes Beispiel anzuführen könnte die unbedachte und eigentlich harmlose Mitteilung,
daß Sie sich für die Aquaristik interessieren dazu führen, daß sie die gewünschte
Wohnung nicht bekommen, weil dem Vermieter das Risiko eines Wasserschadens schlichtweg zu groß ist.
Man braucht nicht viel Phantasie, um zu erkennen, daß praktisch jede öffentliche Mitteilung über
persönliche Lebensumstände mit einem nicht unerheblichen Risiko behaftet ist, negative und
unerwünschte Folgen zu haben, wenn sie nur in die falschen Hände gerät. So ist es längst
nicht mehr auszuschließen, daß sich Dienstleister vor dem Abschluß langfristiger Verträge
im Inter- und Usenet über die künftigen Vertragspartner informieren, um sich vor unerwünschter
Kundschaft zu schützen. Je mehr persönliche Daten unter realem Identitätsbezug im Internet
aufzufinden sind, desto lohnender wird es für Firmen werden, diese Daten zum eigenen Vorteil zu nutzen.
ine weitere Gefahr begründet sich in der
Tatsache, daß im Usenet sehr viele Teilnehmer mit teils erheblich unterschiedlichen Meinungen und Temperamenten
miteinander kommunizieren. Da bleibt es nicht aus, daß es zu Meinungsverschiedenheiten kommt, die gar nicht selten
so weit eskalieren, daß die Betroffenen und ihre Familien in ihrem privaten Bereich
massiv belästigt, verfolgt oder schikaniert werden. Es gibt keinen Grund anzunehmen, der Anteil psychisch kranker
bzw. auffälliger Menschen wäre im Usenet geringer als sonstwo. Mag das Risiko einer solchen
Konfrontation für den Einzelnen tatsächlich gering sein, so ist es doch vorhanden und auch hier mit
authentischen Fällen belegt. Wer sich so eingehend mit Ihnen auseinandersetzt, gehört zu der Gruppe
jener unkalkulierbarer Menschen, die sich dann auch die Zeit nehmen, ihr Persönlichkeitsprofil aus all ihren
Artikeln herauszuarbeiten und die so gewonnenen Informationen zu Ihrem Nachteil einzusetzen. Wissen ist Macht.
Angesichts dieser und noch vielen weiteren Unabwägbarkeiten, die die Kommunikation in öffentlichen
Datennetzen in sich birgt, ist es sicher keine Paranoia, wenn Sie den Schlüssel zu Ihrer Wohnung nur demjenigen
geben, dem Sie vertrauen. Datenschutzexperten raten deshalb unisono, die rechtlichen Möglichkeiten
auszuschöpfen und persönliche Informationen niemals unter der realen Identität in der
Öffentlichkeit zu kommunizieren. Das Teledienstedatenschutzgesetz verpflichtet die
Anbieter dieser Dienste, dem Nutzer die Möglichkeit einzuräumen, das Internet anonym oder unter einem
Pseudonym zu nutzen. Da der Meinungs- Wissens- und Erfahrungsaustausch im Usenet eine soziale Interaktion mit
anderen Menschen darstellt, empfiehlt sich beim natürlich der Einsatz eines Pseudonyms, da man mit diesem im
Gegensatz zur Anonymität als ein bestimmter Teilnehmer wiedererkannt und damit sozial eingebunden
werden kann, ohne jedoch seine Identität offenbaren zu müssen.
ie rechtlichen Rahmenbedingungen zum
Schutz der persönlichen Sphäre sind also vorhanden, so daß man das Inter- und Usenet durchaus
nutzen könnte, ohne sich diesen Unabwägbarkeiten schutzlos ausliefern zu müssen. Doch leider
gibt es hier einige soziale Komplikationen. Viele langjährige Teilnehmer realisieren die mit der Expansion des
Usenets einhergehenden Veränderungen im Netz nicht. Sie erkennen nicht die Riskien der Öffentlichkeit
oder verdrängen sie trotz eindeutiger Belege. Um das Usenet in seiner früheren Form, als man sich zum
großen Teil noch persönlich kannte, zu konservieren, fordern sie neue Teilnehmern regelmäßig
und eindringlich dazu auf, ihre wirkliche Identität offenzulegen und unter dem sog. Realname persönliche
Informationen zu kommunizieren. Einige unter ihnen nutzen sogar sehr gezielt die bekannten Mechanismen der
Gruppendynamik, um anonyme oder pseudonym schreibende Autoren kollektiv auszugrenzen. Begündet wird
diese Aversion meist mit schlechten Erfahrungen. Natürlich sind diese konservativen Teilnehmer nicht böse,
denn dem Grunde nach verfolgen sie ehrbare, wenngleich leider utopische und angesichts der menschlichen Natur
unerreichbare Ideale. Wer lebte nicht gerne in einer Welt, in der man sein Haus nicht abschließen muß?
Die Realität sieht aber leider anders aus und deshalb macht es in diesem Beispiel auch keinen Sinn, sein Haus
nicht abzuschließen, nur um sich der Illusion hinzugeben, in einer Welt ohne menschliche Abgründe zu
leben. Entsprechend sinnlos ist der Veruch, durch blindes Vertrauen so zu tun, als wäre das Internet ein
vertrauenswürdiges Medium, welches es der Natur der Sache nach nicht sein kann.
enn Sie sich im Usenet mit anderen
Teilnehmern austauschen wollen, dann stehen Sie spätestens bei der Konfiguration des dazu benötigten
Programms vor der Frage, wie Sie es mit Ihrer Netzidentität halten wollen.
Falls Sie die Risiken der öffentlichen Komunikation unter wirklichem Identitätsbezug für eher gering
halten und Ihren wirklichen Namen als Netzidentität benutzen wollen, brauchen Sie bei der Interaktion mit den
anderen Teilnehmern im Usenet keine Probleme zu befürchten, denn die Aversion und Intoleranz beruht keineswegs
auf Gegenseitigkeit. Kein pseuonym schreibender Teilnehmer wird Sie dahingehend bekehren wollen, ein Pseudonym zu
benutzen oder Sie wegen der Preisgabe Ihres Namens kritisieren. Bedenken Sie aber die oben dargelegten Nachteile: Sie
haben nicht die geringste Chance, ihre Äußerungen in der Öffentlichkeit so zu steuern, daß ihnen
dadurch keine Nachteile erwachsen können. Die öffentliche Kommunikation entwickelt ihre Eigendynamik
und belanglose Daten gibt es im Zeitalter der elektronischen Datenverarbeitung nicht mehr, wie schon das
Bundesverfassungsgericht im Rahmen des Volkszählungsurteils erkannte.
Wer nicht mit hinreichender Sicherheit überschauen kann,
welche ihn betreffenden Informationen in bestimmten Bereichen seiner sozialen Umwelt bekannt sind, und wer das
Wissen möglicher Kommunikationspartner nicht einigermaßen abzuschätzen vermag, kann in
seiner Freiheit wesentlich gehemmt werden, aus eigener Selbstbestimmung zu planen oder zu entscheiden. Mit
dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung wären eine Gesellschaftsordnung und eine diese
ermöglichende Rechtsordnung nicht vereinbar, in der Bürger nicht mehr wissen können,
wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß. Wer unsicher ist, ob abweichende
Verhaltensweisen jederzeit notiert und als Information dauerhaft gespeichert, verwendet oder weitergegeben
werden, wird versuchen, nicht durch solche Verhaltensweisen aufzufallen. Wer damit rechnet, daß etwa
die Teilnahme an einer Versammlung oder einer Bürgerinitiative behördlich registriert wird und
daß ihm dadurch Risiken entstehen können, wird möglicherweise auf eine Ausübung
seiner entsprechenden Grundrechte (Art. 8 und 9 GG) verzichten.
BVerfG: Volkszählungsurteil (BVerfGE 65; 1, 43).
Falls Sie aber ihren persönlichen Lebensbereich und Ihre Familie vor unerwünschten Einflüssen
schützen, und deshalb unter einem Pseudonym schreiben wollen, dann stehen Sie vor der wirklich schwierigen
Entscheidung, ein offensichtliches Pseudonym zu benutzen oder sich eines Pseudonyms zu bedienen, das als solches
nicht zu erkennen ist. Sollten Sie sich für ein offensichtliches Pseudonym entscheiden, werden Sie trotz Ihrer
diesbezüglichen Ehrlichkeit mit häufigen und vor allem störenden Anfeindungen rechnen
müssen. Sie werden zumindest die ersten Monate nicht einen einzigen Beitrag schreiben können, ohne
wegen des fehlenden Namens kritisiert und in themenabweichende Diskussionen darüber verwickelt zu werden.
s ist schade, Ihnen an dieser Stelle den Rat
geben zu müssen, sich eines Pseudonyms zu bedienen, das wie ein echter Name aussieht. Zwar belügen
Sie Ihre Mitmenschen in diesem Fall; es ist aber die einzige Möglichkeit, Ihr persönliches Interesse des
Selbstschutzes zu wahren, ohne dafür öffentlich kritisiert und am Ende ausgegrenzt zu werden. In der
Hoffnung, daß sich nichterkennbare Pseudos nicht am Mobbing gegen
ihre erkennbaren Leidensgenosen beteiligen (obwohl es auch das schon nachweislich gegeben hat!), darf man die
Hoffnung haben, daß die störende und ungerechtfertigte Kritik an pseudonymen Teilnehmern langsam
verstummt und die pseudonym schreibenden Autoren nach und nach die Chance bekommen, die Vorurteile gegen
sich auszuräumen und zu beweisen, daß auch sie wertvolle Mitglieder der Netzgemeinde sein können.
Ich hoffe, daß ich Ihnen die Problematik der Netzidentät im deutschsprachigen Usenet in verständlicher
Form darlegen konnte und möchte am Ende dieser Seite noch darauf hinweisen, daß die Problematik in fast
allen anderen vergleichbaren Medien (Webforen) und Hierachien nicht besteht. Dort haben die Teilnehmer offensichtlich
die Gefahren der öffentlichen Kommunikation erkannt und Pseudo- und Anonymität als adäquate
Formem des Selbstschutzes akzeptiert.
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