Hilfe oder Selbstzweck?
Leider hat es sich eingebürgert, Realnamehinweise entgegen den Empfehlungen der (alten) Kirchwitz-Netiquette öffentlich im Rahmen
einer Sachantwort zu geben. Dort sind sie aber nicht selten Anlaß ausschweifender Realnamedebatten. Doch kaum ein
Hinweiser ist bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Es wird meist darauf verwiesen, daß der Hinweis
nur ein kleiner Bestandteil des Beitrags gewesen sei und überdies als gutgemeinte Hilfe zu verstehen gewesen wäre.
uch wenn die Hinweiser oft leugnen, mit den
Realnamehinweisen zuvorderst eigene Interessen zu verfolgen, zeigt sich in den Diskussionen meist, daß sie sich
ihres Eigeninteresses durchaus bewußt sind. Ziel der Hinweise ist nicht die Integration des Abweichlers, sondern
die Manipulation des Betroffenen dahingehend, daß er sein Verhalten den eigenen Vorstellungen anpaßt.
> Es muß also eine gehörige Portion Eigenmotivation hinter der vermeintlich
> selbstlosen Hilfe stecken.
Man hofft, ihn in seinem Sinne zu "erziehen".
<cdjngm$jqf$07$1@news.t-online.com>
Daneben gibt es wohl noch eine
geringe Zahl von Teilnehmern, die öffentliche
Realnamehinweise tatsächlich in dem Glauben geben, den betroffenen Teilnehmern damit zu helfen.
Doch kann ein öffentlicher Realnamehinweis überhaupt eine Hilfe sein?
Realnamehinweise legen dem Betroffenen nahe, den wirklichen Namen in den From-Haeder einzutragen, um nicht mit
Leuten in Konflikt zu geraten, die Vorurteile gegen anonyme oder pseudonyme Teilnehmer
kultivieren. Weil aber die Verwendung eines Pseudonyms oder die anonyme Teilnahme am Usenet per se keine
schädliche und daher auch keine kritikwürdige Handlung darstellt, legt der Realnamehinweis
ausgerechnet der Personengruppe eine Verhaltensänderung nahe, die überhaupt kein Fehlverhalten
gezeigt hat, während das wirklich kritikwürdige Verhalten, nämlich die Pflege der Vorurteile in
keiner Weise beanstandet oder kritisiert wird. Der Betroffene wird die ungerechtfertigte und öffentlich
ausgesprochene Empfehlung, sein Verhalten den Vorurteilen anzupassen deshalb als ungerechtfertige Kritik auffassen.
erade das Paradoxon des öffentlichen
Realnamehinweises, daß der von Vorurteilen betroffenen Personengruppe eine Verhaltensänderung
nahegelegt wird, während das wirklich kritikwürdige Verhalten, nämlich das Kultivieren und
Ausleben von Vorurteilen völlig unbeanstandet bleibt, erweckt natürlich den Eindruck, daß der
Hinweiser selbst die Vorurteile pflegt, vor denen er warnt. Das macht seinen öffentlichen Hinweis völlig
unglaubwürdig, sofern er als Hilfe verstanden werden soll.
Im Laufe jahrelanger Diskussionen um den Realname hat es sich erwiesen, daß die meisten Hinweiser selbst
ein ausgeprägtes Interesse daran haben, daß neu hinzukommende Teilnehmer ihren wirklichen
Namen preisgeben. Wo immer sich eine solche Eigenmotivation herauskristallisiert, muß der Realnamehinweis
als Kritik und nicht als Hilfe verstanden werden. Es ist schon ein großer Unterschied, ob man jemanden
außerhalb einer Gruppe diskret auf die Seite nimmt, um ihn vor den herrschenden Vorurteilen in der Gruppe zu
warnen, oder ob man dies öffentlich und damit bekennend zur Gruppe tut und
den Betroffenen eigenhändig und öffentlich als der Gruppe nicht zugehörig erklärt.
Der öffentlich ausgesprochene
Realnamehinweis warnt nicht nur vor einer Ausgrenzung. Er selbst ist ihr Vollzug, indem er publikumswirksam
die Andersartigkeit bemängelt und damit entsprechende gruppendynamische Prozesse bei den Teilnehmern
auslöst.
s mag vielen Hinweisern nicht
bewußt sein, aber es läßt sich nicht von der Hand weisen, daß sich öffentliche
Hinweise auf die sog. Gepflogenheiten in einer Gruppe nicht nur an den betroffenen Neuankömmling richten,
sondern vor allem an die Gruppe selbst. Behauptet ein anerkannter Teilnehmer etwa in einem öffentlichen
Realnamehinweis, daß der pseudonyme oder anonyme Teilnehmer wenige bis gar keine Antworten von
der Gruppe erwarten dürfe, so ist diese Isolationsandrohung nicht nur die Aufforderung an den Betroffenen,
seinen Namen zu nennen, um die drohende Isolation abzuwenden. Sie ist gleichzeitig auch der Aufruf an den Rest
der Gruppe, diese Aussage durch Mißachtung des pseudonymen bzw. anonymen Teilnehmers zu
Bewahrheiten, falls dieser seinen Namen in der Folge nicht nennt. Aufgrund dieser gruppendynamischer
Prozesse darf man davon ausgehen, daß öffentliche Realnamehinweise nicht nur vor der Isolation
warnen, sondern aktiv zu ihr beitragen. In der Arbeitswelt bezeichnet man diese Art der destruktiven Gruppendynamik
als Mobbing. Führt der versteckte Appell an die Teilnehmer der
Gruppe nicht zum gewünschten Erfolg, werden manche Realnamehinweiser schon sehr deutlich und
disziplinieren auch die Nestbeschmutzer, wie das nachfolgende Beispiel
eindrucksvoll belegt.
angewandte Gruppendynamik
marion philipp-bogg schrieb:
> hallo wunderkind!
Solchen Leuten antwortest du?
<bt1gjh$p93$04$1@news.t-online.com>
ulrich schrieb:
> Und Myriam,
> ich habe kein Problem mit Deinem Namen, ich find das ganz interessant, wäre
> halt wirklich lustig, wenn der echt wäre.
> Und wenn sich hier jemand Hardcore666 nennen würde, würde ich auch
> antworten, falls er / sie eine ernste Frage stellt...
> Gruss,
> Ulrich
Das procedere hier ist aber ein anderes und daran wirst du dich bitte
auch halten!
Das fehlte nun noch, dass ein paar Hanseln dieser Perle Öl ins Feuer gießen!
<bb5kjt$g3v$02$1@news.t-online.com>
ie Gruppe wird sich selbst dann weitestgehend
an den vermeintlichen Konsens halten, wenn eine große Anzahl der Teilnehmer oder sogar die Mehrheit diesen
behaupteten Konsens gar nicht mitträgt und ihnen z.B. der Realname des Neuankömmlings völlig
egal ist. Solange sie nur glauben, es entspreche der Mehrheitsmeinung werden sie pseudonym schreibenden Autoren
vielleicht sporadisch antworten. Sie werden sie aber nie öffentlich anerkennen, weil sie sich sonst der Gefahr
aussetzen würden, selbst als Abweichler zu gelten und dadurch an Ansehen zu verlieren (sog.
Schweigespirale). Der Mensch ist als soziales Wesen von der Gunst seiner Mitmenschen
abhängig und kann sich diesen gruppendynamischen Prozessen deshalb nur schwer, wenn überhaupt,
entziehen. Die Angst vor sozialer Isolation führt relativ zuverlässig dazu, daß sich das Individuum
unter sträflicher Vernachlässigung des eigenen Nachdenkens der vermeintlichen Mehrheitsmeinung
anschließt. Belege für dieses Phänomen der Gleichschaltung und der Macht der Masse sind uns aus den Jahren
1933-1945 in schmerzlicher Erinnerung. Solomon Asch hat im Jahre 1955 entsprechende Experiemente mit
wirklich erstaunlichen Ergebnissen durchgeführt:
Exkurs: Konformitätsdruck
Eine Versuchsperson wurde zu einer Gruppe von 7 weiteren Personen gesetzt, die ohne das Wissen der
Versuchsperson mit dem Versuchsleiter zusammenarbeiteten. Der Gruppe wurde nun eine gewöhnliche
Schnur, sowie drei Vergleichsschnüre unterschiedlicher Länge gezeigt. Die Aufgabe der Gruppe
bestand nun offiziell darin, die Schnur der richtigen Vergleichsschnur zuzuordnen.
Das Urteil der unwissenden Versuchsperson wurde jeweils zum Schluß eingeholt, nachdem die
eingeweihten Teilnehmer der Gruppe die Schnur gemäß dem Experiment absichtlich falsch
zugeordnet hatten. Die Fehler der Mehrheit waren groß und absolut offensichtlich. Trotzdem
kapitulierte ein volles Drittel der Versuchspersonen und ließ sich von der richtigen Meinung
abbringen. Im Gegensatz dazu machte eine Kontrollgruppe, die der Versuchssituation nicht ausgesetzt
wurde, überhaupt keine Fehler.
Dieses Verhalten wurde durch den Druck der Gruppe auf die Einzelperson ausgelöst, sozusagen durch
die Macht der Mehrheit. Die Einzelperson versucht, sich den Meinungen der Mehrheit anzupassen, um nicht
in eine Außenseiterposition gedrängt zu werden. Diese Anpassung wird als Konformitätsverhalten
bezeichnet. Umgekehrt kann eine Minderheit die Mehrheit umstimmen, wenn diese dieselben psychologischen
Prinzipien anwendet. Bemerkenswert ist hier, wie es jemand fertigbringt, sich der Vorherrschaft der Gruppe zu
entziehen. In Untersuchungen von französichen Psychologen ergab sich, daß in einer Gruppe von 6
Studenten, von denen 2 Verbündete des Versuchsleiters waren die ein blaues Licht beharrlich grün
nannten, fast ein Drittel der uneingeweihten Versuchspersonen sich schließlich deren Urteil anschlossen
und viele andere sich in einem späteren individuell durchgeführten Test "grüne" Reaktionen
zeigten (Moscovici 1969, Faucheux u. Moscovici 1967). Weitere Untersuchungen in realen Situationen
bestätigten die Macht sozialer Normen über Einstellungen und Verhalten von Einzelpersonen.
Linkktip:
<www.sylvia1967.at/konform.html>
eider ist sich der Mensch dieser
Unzulänglichkeiten und seiner Abhängigkeit von der sozialen Umwelt meist nicht bewußt.
Je stärker er in der sozialen Gleichschaltung gefangen ist, desto beharrlicher besteht er auf Nachfragen
zum Zwecke der Aufrechterhaltung seines Selbstbildes darauf, frei zu sein und seine Meinung alleine durch
eigene Erfahrungen und eigenes Denken gebildet zu haben.
Gerade die versteckte Botschaft an die Gruppe macht öffentliche Realnamehinweise für den
harten Kern der Realnamebefürwortung so wichtig, daß dafür sogar der Verrat an der sonst selbst
so hochgehaltenen (alten) Kirchwitz-Netiquette in Kauf genommen wird (siehe nächster Kasten). Nur durch diese stetigen Hinweise
kann der behauptete, aber in der Realität wohl kaum vorhandene Konsens [1] glaubhaft vermittelt werden und
können die gruppendynamischen Prozesse in Gang gehalten und in die jeweils nächste Generation
der Teilnehmer hinübergerettet werden.
[1]
Kon|sens, der; -es, -e <lat.> (Meinungsübereinstimmung; /veraltend für/
Genehmigung); kon|sens|fä|hig; Kon|sen|sus, der; -, - (/svw./ Konsens)
lat. consensus = Übereinstimmung, Einstimmigkeit; zu sensus Empfindung.
ber entgegen aller Beschwörungen
des harten Kerns der Realnamebefürwortung ist zu beobachten, daß pseudonym
schreibende Teilnehmer zunehmend aktzeptiert werden. Immer deutlicher kristallisiert sich nämlich heraus,
daß es in den Usenetgruppen meist nur einige wenige sind, die gegen pseudonyme Autoren agitieren und
einen niemals vorhandenen Konsens alleine durch Laustärke und Penetranz vortäuschen. Entsprechend
verliert sich allmählich der soziale Druck nach Meinungskonformität. Die positive Entwicklung mag
daran liegen, daß eine neue, selbstbewußtere Generation von Usenetteilnehmern heranwächst,
die diesen Wortführern kritischer gegenübersteht. Vielleicht liegt es auch daran, daß das Recht
auf informationelle Selbstbestimmung und die Problematik personenbezogener Daten in
offenen Datennetzen endlich ernst genommen wird und persönliche Entscheidungen einzelner Teilnehmer
gegen die Preisgabe ihrer Daten endlich als adäquate Vorsichtsmaßnahme respektiert wird.
Über die Beiläufigkeit von Realnamehinweisen
Die alte Kirchwitz-Netiquette empfiehlt aus gutem Grund, Kritik nicht öffentlich, sondern per E-Mail
zu üben. Öffentliche Realnamehinweise mißachten aber genau diese Empfehlung, sind jedoch im
Hinblick auf die starke gruppendynamische Wirkung sehr beliebt. Viele Hinweiser versuchen aus dieser
Zwickmühle zu entkommen, indem sie ihre Hinweise in sachbezogene Antworten verpacken, um die
Mißachtung der (alten) Kirchwitz-Netiquette als beiläufigen Hinweis zu relativieren.
Bei näherer Betrachtung stellt man jedoch schnell fest, daß das Kriterium der Beiläufigkeit kein
geeigneter Maßstab ist. Eine negative Handlung kann nicht dadaurch positiver werden, daß
man sie durch gleichzeitige positive Handlungen zu kompensieren versucht oder zur Nebensache erklärt.
Um es an einem einfachen Beispiel auszudrücken wird ein Faustschlag kaum weniger schmerzhaft
empfunden, wenn er beiläufig ausgeteilt wird.
Auch ein beiläufiger Realnamehinweis wird von den Betroffenen zumeist als Kritik sowie als
schmerzhafter Angriff auf die Selbstbestimmung bezüglich der freien Wahl ihrer Netzidentität
empfunden. Eine gleichzeitige sachbezogene Hilfe ändert daran nichts, wenngleich sie aus
psychologischer Sicht natürlich gut geeignet ist, dem Betroffenen Dankbarkeit abzuringen,
was die Wirkung des Hinweises im Sinne des Hinweisers natürlich positiv beeinflußt.
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