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Fabel
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Der Hase im Wald
s war einmal ein kleiner Hase, der hatte
seine Mutter und sein einziges Geschwisterlein schon in früher Kindeheit aus den Augen verloren. Ganz
auf sich alleine gestellt, hoffte er, Schutz im nahegelegenen Wald zu finden. Als er gerade dort hinein gehen
wollte, bemerkte er einen Vogel, der gleich im ersten Baum auf einem tief hängenden Ast saß, gerade
so, als hätte er diesen Platz wohlbedacht ausgesucht, um neue Waldbesucher Willkommen zu heißen.
" Hör mir zu, kleiner Hase ", sprach der Vogel " ehe Du in den Wald hineingehst,
mußt Du wissen, daß es in unserem Wald so dunkel ist, daß man die Hand nicht vor den Augen zu
erkennen vermag. Aber fürchte Dich nicht ", erklärte der Vogel weiter die Regeln des Waldes
" die guten Tiere im Wald haben nichts zu verbergen und geben sich zu erkennen, wenn sie anderen Tieren
begegnen. Also nimm Dich in Acht vor den Tieren, die Dir nicht sagen wollen, wer sie sind, denn das sind die
bösen Tiere im Wald ".
nd obwohl die Hasenmutter dem kleinen
Hasen einst eingebläut hatte, vorsichtig zu sein und sich fremden Tieren niemals zu erkennen zu geben, stellte
sich der kleine Hase dem Vogel artig vor und bedankte sich auch gleich für den guten Rat.
Der Wald war noch viel dunkler, als es der Vogel angedeutet hatte und so konnte der kleine Hase die vielen
neugierigen Ohren nicht sehen, die sich von jedem Baum herunter, hinter jedem Busch hervor und aus jedem
Loch heraus nach jedem vernehmbaren Geräusch reckten und streckten. Als der kleine Hase so seines Weges ging, kam
ihm schon bald ein unbekanntes Tier entgegen. So wie es ihm geheißen war, sagte der kleine Hase,
daß er ein Hase sei. Und auch das andere Tier stellte sich ohne zu Zögern vor:
" Ich bin ein Eichhörnchen, sei gegrüßt, kleiner Hase ".
" Wo kann ich denn in eurem dunklen Wald etwas zu fressen finden? ", fragte der kleine
hungrige Hase. " Hier, nimm ein paar von meinen Haselnüssen ", erwiederte das
Eichhörnchen, " ich habe schon genug Nüsse für den Winter versteckt und
gebe Dir gerne ein paar davon ab ". Dankbar nahm der kleine Hase die Nüsse an sich, die
ihm das Eichhörnchen entgegenstreckte und begann sogleich damit, sie sich einzuverleiben. Und
während der kleine Hase genüßlich an den leckeren Nüssen knabberte, kam ihm
der Gedanke, daß der Vogel am Eingang des Waldes wohl recht gehabt haben müsse.
ie Zeit ging dahin und langsam
wurde der kleine Hase müde. Es mußte inzwischen Abend geworden sein und so suchte er nach
einem geeigneten Quartier, um die Nacht zu verbringen. Abermals fügte es das Schicksal, daß
ihm ein freundlicher Waldbewohner begenete, der sich geradewegs vorstellte und ihm anbot, seinen
Unterschlupf für die Nacht mit ihm zu teilen. Und tatsächlich, so wie es der Vogel gesagt hatte,
gehörte der Gastgeber, der sich dem Hasen so freimütig zu erkennen gegeben hatte, zu den
guten Tieren im Wald. Denn der Bau war trocken, geräumig und angenehm warm. Und als der kleine
Hase am nächsten Morgen wohlbehalten aufwachte und frisch gepflückten Löwenzahn
und eine Möhre neben sich liegen sah, war er vollends überzeugt, daß der Rat des Vogels
ein guter Rat gewesen war. Er bedankte sich bei seinem Gastgeber für die Untekunft und die
Verpflegung und machte sich wieder auf seinen Weg, um seine Mutter und sein Geschwisterchen zu finden.
Da begegnete er einem anderen Hasen. " Sag mir, was für ein Tier Du bist und was ich für
Dich tun kann ", sprach unser kleiner Hase den Schatten an. Doch der andere Hase wollte nicht sagen,
wer und was er war. " Weißt Du denn nicht, daß die guten Tiere in diesem Wald nichts zu
verbergen haben? ", bohrte der kleine Hase trotzig weiter. Aber es half nichts. Der andere Hase sagte
nur, daß er zwar nichts Böses im Schilde führe, sich aber dennoch nicht zu erkennen geben
wolle: " Sei Dir gewahr... ", sagte er " ...hinter jedem Busch und jedem Stein
lauschen neugierige Ohren mit und Du weißt nicht, ob es die Ohren von den guten oder den bösen
Tieren im Wald sind ". Das verstand unser kleiner, tapferer Hase nicht, denn er hatte ja nur gute
Erfahrungen mit den Regeln des Waldes gemacht. " Man wird Dir keine Nüsse geben und Dir
keinen Unterschlupf gewähren, wenn Du nicht sagst, wer Du bist ", versuchte er dem anderen
Hasen zu erklären. " Was nützen mir ein warmer Platz zum schlafen und ein paar
Nüsse, wenn ich dafür gefressen werde ", entgegnete der andere Hase daraufhin und
hoppelte kopfschüttelnd davon. Unser kleiner Hase war über das Verhalten des anderen
Tieres sehr verärgert. Und da er nicht verstehen konnte, weshalb sich der andere Hase nicht als solcher
zu erkennen geben wollte, glaubte er, daß es in der Tat das einzige Ziel des anderen Hasen gewesen sei,
die Regeln des Waldes zu mißachten, um Ärger und Unruhe zu stiften. Und wieder sah der kleine
Hase die Regeln des Waldes und die Worte des Vogels bestätigt.
uch dieser Tag näherte sich
schließlich seinem Ende, ohne daß irgendetwas geschehen war, das auch nur den leiseten Zweifel
an des Vogels Behauptungen hätte aufkommen lassen. Unser kleiner Hase machte sich auf, auch für
die kommende Nacht einen geeigneten Unterschlupf zu finden. In einem Gebüsch am Wegesrand vernahm
er ein Rascheln. Er hoppelte schnurstracks dorthin, gab sich wie gewohnt als Hase zu erkennen und fragte die
dunkle Gestalt höflich nach einem warmen Plätzchen für die Nacht.
Das Tier im Gebüsch wußte genau, daß der kleine Hase es in der Dunkelheit nicht erkennen
konnte und auch keinerlei Möglichkeit hatte, die Angaben, die es machen würde, nachzuprüfen.
Also gab es sich als groß gewachsener Hase aus und bot dem kleinen Hasen an, daß er die Nacht
bei ihm verbringen könne. Dankbar nahm der kleine Hase das großzügige Angebot an,
legte sich neben das fremde Tier und schloß vertrauensvoll die Augen. Und als der Wolf merkte,
daß der kleine Hase neben ihm tief und fest schlief, verschlang er ihn mit Haut und Haaren.
nterdessen hatte der andere Hase,
der tags zuvor unserem kleinen tapferen Hasen begenet war, ein schlechtes Gewissen bekommen. Denn er hatte
ja den guten Rat unseres kleinen Hasens nicht angenommen, und außerdem zum Verdruß der anderen
Waldbewohner die Regeln des Waldes mißachtet. Da er außerdem schon seit zwei Tagen nichts mehr
gefressen hatte, war er sehr hungrig. So beschloß er, fortan ebenfalls zu den guten Tieren im Walde zu
gehören. Und kaum hatte er diesen Entschluß gefaßt, da bot sich auch schon die erste
Gelegenheit, denn es kam ihm zufällig jenes Eichhörnchen entgegen, das schon unserem kleinen
Hasen zuvor begegnet war.
" Ich bin ein Hase und ich habe großen Hunger ", rief er dem Eichörnchen
freudig entgegen. " Ich gebe auch Dir gerne ein paar von meinen Nüssen ab ",
entgegnete das hilfsbereite Eichhörnchen. Doch kaum hatte sich der Hase zum Fressen dieser
Nüsse hingesetzt, da stürzte der Wolf aus dem Gebüsch und verschlang auch diesen
Hasen mit einem Bissen. Er hatte das Gespräch mitgehört und wußte deshalb, daß
dort seine Leibspeise saß, die all ihre Aufmerksamkeit dem genüßlichen Verzehr von
Haselnüssen widmete. Und so fanden Brüderchen und Schwesterchen Hase im Abstand
von nur einem einzigen Tage den Tod im Schlund ein- und desselben Wolfes weil sie nicht auf den
Rat ihrer Mutter gehört hatten.
ollgefressen und mit seinem
Jagderfolg zufrieden machte der Wolf kehrt. Er wollte rasch an seinen Platz im Gebüsch
zurückkehren, um dort die fette Beute während eines Schläfchens in aller Ruhe zu
verdauen. Doch - als ob das Schicksal Rache nehmen wollte - kam er vom Pfade ab und
trat geradewegs in eine schwere, von Menschenhand aus Eisen geschmiedete Falle. Die schnappte
augenblicklich mit einem heftigen Ruck zu und zentimeterlange Eisenzähne bohrten sich in den
rechten Vorderlauf des Wolfes, der nun jämmerlich und von Schmerzen gepenigt so laut schrie,
daß es durch den ganzen Wald hallte.
Wie es der Zufall wollte, kam just in dem Augenblick die Mutter unserer beiden kleinen Hasen vorbei. Sie
war in den Wald gekommen, um dort nach ihren verschollenen Kindern zu suchen. Der Wolf, der die Regeln
des Waldes natürlich ebenfalls kannte und nun selbst derjenige war, der Hilfe benötigte, gab sich
nun ehrlich als Wolf zu erkennen und bat um Hilfe. Die Hasenmutter aber tat das, was sie einst ihren beiden
Kindern eingebläut hatte und verschwieg, daß sie ein Hase war: " Ich kenne diese
Falle und ich kann Dich befreien ", sagte die Hasenmutter, die nicht wußte, daß sie
vor dem Wolf stand, der ihre beiden Kinder gefressen hatte. " Aber ich sage Dir nicht, wer ich bin,
Du mußt mir auch so vertrauen ", fuhr sie fort. Doch der Wolf kannte nicht nur die Regeln
des Waldes, sondern erinnerte sich auch seiner eigenen Boshaftigkeit.
o fürchtete er sich nun seinerseits
vor dem unbekannten Tier, das vor ihm stand. " Wer sich nicht zu erkennen gibt, hat etwas zu verbergen
und führt Böses im Schilde. Woher soll ich denn wissen, daß Du mich nicht fressen wirst? ",
erwiederte der Wolf dem Hasen und schob eiligst nach " Geh fort, ich kann Dir nicht vertrauen! ".
Die Hasenmutter versuchte noch einige Male, den Wolf davon zu überzeugen, daß sie nichts Böses
im Schilde führe und wirklich helfen wolle, aber der Wolf lehnte kategorisch jede Hilfe ab. So hoppelte die
Hasenmutter weiter, um ihre Kinder zu suchen. Der Wolf aber blieb zurück und ging jämmerlich in
seiner eisernen Falle zugrunde.
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