Der Gurt
im Netz


Sicherheitsgurt oder Mutprobe?

ürden Sie ihre Geldbörse auf dem Sims des offenen Küchenfensters liegen lassen, während Sie im Obergeschoß ein ausgiebiges Bad genießen? Oder würden Sie ihren Hausschlüssel unter die Fußmatte legen oder die Tür gar gleich ganz offen lassen? Könnten Sie sich vielleicht vorstellen, ohne Helm Motorrad - oder ohne Gurt Auto zu fahren? Würden Sie Ihren Wagen unverschlossen und mit steckendem Zündschlüssel mitten in der Stadt abstellen? Und was halten Sie von ungeschützem Sex mit Zufallsbekanntschaften?

Alle oben genannten Verhaltensweisen sind mit einem Risiko behaftet. Das heißt natürlich keineswegs, daß ihnen die auf dem Sims liegende Geldbörse wirklich gestohlen wird. Und das Fahren ohne Gurt oder Helm bedeutet nicht zwangsläufig, daß Sie im Falle eines Unfalls wirklich verletzt werden. Aber es sind Risiken, die sich mit geeigneten Mitteln minimieren lassen. Und es ist alleine Ihre Entscheidung, ob sie solche Maßnahmen für erforderlich halten, oder ob Sie vielleicht zugunsten anderer Vorteile darauf verzichten wollen.

Das Pseudonym im Usenet ist eine solche Maßnahme, die sich gut mit dem Sicherheitsgurt vergleichen läßt. Die Maßnahme ist preiswert, einfach und dem Medium angemessen, wie ein Blick über den Tellerrand des de-Usenets hinaus beweist. Vor allem schadet sie auch niemandem. Dafür bietet sie - ebenso wie der Gurt im Auto - natürlich keinen hundertprozentigen Schutz. (vgl.: FAQ, Punkt 9)

Ein Schirm ist zweifellos ein schlechtes Dach. Aber er schützt gut vor Regen.

ealnamehinweise legen dem Betroffenen nun aber nahe, auf diese völlig unschädliche und daher angemessene Schutzmaßnahme zu verzichten, ohne daß der Hinweiser durch die Identifizierbarkeit seines Gegenübers einen maßgeblichen Vorteil erlangte. Es soll also auf der einen Seite ein höheres Risiko eingegangen werden, ohne daß auf der anderen Seite ein Nutzen entsünde.

Leider richten sich Realnamehinweise vor allem an Neulinge im Netz. Newbies, die ihrem gesunden Menschenverstand folgend mißtrauisch waren, diesem neuen Medium mit der gebotenen Vorsicht begegneten und instinktiv erst einmal ein Pseudonym statt des richtigen Namens eingegeben haben. Diese Neulinge haben die Risiken, die sich aus der Veröffentlichung persönlicher Daten ergeben, meist noch gar nicht realisiert und doch sollen sie sie nach dem Willen des Hinweisers schon unbesehen eingehen.

Man könnte angesichts dessen wenigstens meinen, daß im Rahmen der Realnamehinweise nicht nur die Vorteile, sondern auch die Nachteile genannt werden. Aber weit gefehlt. Im Gegenteil werden sie nicht nur verschwiegen, sondern auf Nachfrage sogar geleugnet. Noch schlimmer: Das deutschsprachige Usenet wird als eine Oase des Vertrauens dargestellt und der Name zum Symbol dafür erhoben. Es sei unhöflich, so argumentiert man, den Realname zu verschweigen. Es wäre, als schlage man eine ausgestreckte Hand aus. (vgl.: Händeschütteln , hand.htm).

ber wie höflich kann es auf der anderen Seite sein, wenn dem Betroffenen ohne daß es jemandem nutzen würde oder für die Kommunikation erforderlich wäre, die Preisgabe personenbezogener Daten abverlangt wird, ihm ein unberechenbares und womöglich unbekanntes Risiko aufgebürdet wird? Wie höflich ist es, jemandem arglistig die Vertrauenswürdigkeit vorzutäuschen, wo es sie aufgrund der Eigenschaften des Mediums gar nicht geben kann?

Solange der wirkliche Name eines Pseudos nicht herausgefunden wird, ist Pseudonym=Anonym=Feige.

Google Thomas 'Red' Dreher in
<slrnaqfn15.i6p.vagabond@linuxsumpf.de>

Wer unter einem Pseudonym schreibt, sei feige und hätte im Netz nichts verloren. Das Risiko, aufgrund der Netzaktivitäten Probleme zu bekommen, gehöre zu den Eigenschaften des Netzes und müsse deshalb hingenommen werden, argumentieren die Verfechter des Realnames. Doch dieses Argument ist nicht nur kindisch und dumm, sondern schlichtweg falsch. Es wäre, als sagte man, das Risiko verletzt zu werden, gehöre zu den Gefahren des Straßenverkehrs und man müsse es deshalb entweder völlig ungeschützt eingehen, oder aber auf die Teilnahme am Straßenverkehr ganz verzichten.

ie Befürworter der Preisgabe personenbezogener Daten in offenen und globalen Kommunikationsnetzen wünschen sich eine ideale Gesellschaft herbei. Eine Welt, in der man sich vor nichts und niemandem zu schützen braucht. Dieser Wunsch ist lobenswert und findet sicher leicht die mehrheitliche Zustimmung aller vernünftigen Menschen. Aber leider leben wir nicht in dieser perfekten Gesellschaft. Und solange der Egoismus eine grundlegende und in einer Konkurrenzgesellschaft sogar notwendige Charaktereigenschaft des Menschen ist, werden wir auch niemals eine solche Welt bekommen. Es wird immer Leute geben, die skrupellos genug sind, anderen Menschen zu schaden, wenn sie selbst einen Vorteil dadurch erlangen können.

Und leider werden wir die perfekte Gesellschaft auch nicht bekommen, indem wir durch den freiwilligen Verzicht auf Datenschutz einfach so tun, als gäbe es sie schon. Was wir damit wirklich erreichen, ist nicht die Erschaffung der herbeigesehnten Gesellschaft in der es nur aufrichtige und ehrliche Menschen gibt und in der man deshalb keinen Datenschutz braucht, sondern nur eine ziemlich gefährliche Illusion derselben. Es ist geradewegs so, als ob man sein Auto nicht abschließt, weil man sich eine Welt wünscht, in der es nicht nötig ist, sein Eigentum zu schützen. Solange man sich damit nur selbst belügt und auf eigenes Riskio handelt, spricht nichts dagegen...

 

Startseite   Winfried Wacker 2006